Im Alter drängten die Schrecken des Krieges ins Bewusstsein – Interviewe mit Carlo Behler vom Heimatverein Erle

Im hohen Alter von 95 Jahren ist der bis dato älteste Bürger von Raesfeld im September gestorben.

Er hat den Zweiten Weltkrieg und eine fast fünfjährige russische Kriegsgefangenschaft überlebt. Lange hat er diesen schrecklichen Abschnitt seines Lebens verdrängt und kaum etwas darüber erzählt.

Richard Meyerratken im Alter von 95 Jahren
Richard Meyerratken im Alter von 95 Jahren

Direkt nach dem Kriege war er einer von Millionen Kriegsheimkehrern. Ihre Geschichten wollte damals keiner hören. (Sie erinnerten an eine schreckliche und aus deutscher Sicht schuldbeladene Zeit, die man vergessen wollte.)

Interviewe mit Carlo Behler vom Heimatverein Erle

Heute ist das ganz anders. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Soldaten erlebt haben und aus erster Hand authentisch über die damalige Zeit erzählen können. Ihre Berichte stoßen auf großes Interesse. Und viele fangen erst jetzt im hohen Alter an zu erzählen, weil die schrecklichen Erlebnisse des Krieges immer mehr an die Oberfläche des Bewusstseins drängen und sie in ihren Träumen verfolgen. Auch Richard Meyerratken erklärte sich bereit, von seinen Erlebnissen zu erzählen. Carlo Behler vom Heimatverein  Erle interviewte ihn zwei Monate vor seinem Tode. Heraus kam ein beeindruckendes Kaleidoskop von Schlaglichtern auf Krieg und Gefangenschaft.

Vater wAR der NSDAP beitreten

Richard Meyerratken wuchs als 7. von 9 Kindern in einem durch und durch katholischen Milieu in dem kleinen oldenburgischen Dorf Osterfeine auf. Sein Vater war Leiter der dortigen Volksschule, zugleich auch Organist und Küster. Als der Nationalsozialismus an die Macht kam, musste sein Vater der NSDAP beitreten, um der Versetzung, Degradierung oder sogar Entlassung zu entgehen.

Seine Zeit in der Hitlerjugend sah er zwiespältig: „Mit der HJ kam man aus dem Dorf raus. Wir haben Touren in den Dammer Bergen unternommen und waren im Zeltlager auf Wangerooge. Uns wurden Abenteuer in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen geboten. Andererseits wollte man uns auch zu Nazis erziehen.“ Mit 18 Jahren wurde er 1942 Soldat. Nach der Ausbildung als Pionier kam er an die Belagerungsfront nach Leningrad (heute St. Petersburg).

Flammenwerfer einen russischen Graben

Ein Einsatz bei einem Nachtangriff belastete ihn Zeit seines Lebens bis zu seinem Tode: „Ich bekam bei einem Nachtangriff den Befehl, alleine mit einem Flammenwerfer einen russischen Graben ´aufzurollen´.

Wegen der Rauchentwicklung habe ich glücklicherweise nichts gesehen, aber die Schreie der Getroffenen gehört.“ Diese verbrannten bei lebendigem Leibe.

Fußmarsch Richtung Osten in Güterwaggons

Nach der Beförderung zum Leutnant führte ihn der Rückzug ab 1944 bis in die Nähe von Berlin. Hier wurde er gefangen genommen und nach einwöchigem Fußmarsch Richtung Osten in Güterwaggons wieder in die Nähe von Leningrad transportiert. Über drei Jahre verbrachte er dort in Barackenlagern und wurde bei der Feldarbeit sowie beim Baumfällen und Holzflößen eingesetzt.    

„Wir mussten wie Zugtiere mit acht Mann einen Pflug oder eine Egge ziehen, eine Sklavenarbeit. Wir lagen in einer Baracke mit etwa 30-40 Mann nebeneinander auf Holzpritschen ohne Stroh. Jeder hatte nur 80 cm Platz. Morgens gab es 200 g Brot, 1 Esslöffel Zucker und ein Häufchen Tabak, mittags meistens eine wässrige Suppe.“

Krankenhausaufenthalt wegen einer Pilzvergiftung

Bei einem längeren Krankenhausaufenthalt wegen einer Pilzvergiftung begann er Russisch zu lernen. Deshalb fungierte er auch oft als Dolmetscher. In seinem letzten Lager in Krasnograd (Ukraine) wurde er beim Straßenbau eingesetzt und stieg zum Brigadier (Vorarbeiter) auf. Als das Lager aufgelöst wurde, hatte er das Glück, nicht weiter nach Sibirien transportiert, sondern mit in die Heimat entlassen zu werden.

Fünf Jahre Gefangenschaft

Am 2. Januar 1950 kam er dann zu Hause an, (wohin er sich zu Fuß und per Bahn vom Aufnahmelager Friedland allein durchgeschlagen hatte.) Zu Anfang fiel es ihm schwer, sich zurechtzufinden. Nach fast fünf Jahren Gefangenschaft in kargen Verhältnissen war es für ihn nicht leicht, sich an das normale Leben in Freiheit und Überfluss zu gewöhnen.

Der heutigen Jugend möchte er mit auf den Weg geben:

„Ich habe erfahren, was Krieg bedeutet. Die EU sorgt seit Jahrzehnten dafür, dass die Staaten Europas sich vertragen und Frieden herrscht. Diese Gemeinschaft sollten sich die Europäer durch das Wiederaufleben des Nationalismus nicht kaputt machen lassen.“

Nach Erle kam Richard Meyerratken 1954. Als Molkereimeister leitete er die Erler Molkerei bis zu deren Schließung 1973 und ab 1963 war er Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft, später der Milchliefergenossenschaft. Er engagierte vielfältig im Erler Gemeindeleben. Jahrzehnte sang er im Kirchenchor, 1995 wurde er Schützenkönig in Erle.

Das vollständige Interview erscheint Ende November im neuen Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck.

Text: Carlo Behler

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