Alles liebe zum 100-jährigen Geburtstag liebe Mama und Oma

Heute feiert meine Mama Anna Bosse ihren 100. Geburtstag. Das sie einmal so alt wird, damit hat sie in jungen Jahren nicht gerechnet.

„Um Gottes willen, bloß nicht so alt werden“. Das war ihr Standardsatz. Es scheint aber genau „Gottes Wille“ zu sein, dass sie so alt wird.

In ihrem hohen Alter lebt meine Mama seit vielen Jahren im Seniorenhaus St. Martin. Sie hat dort mittlerweile ihre eigene Welt entdeckt.

100 jahre Geburtstag

Was ist aber ihre Welt? Die Frage bleibt für uns Kinder und Enkelkinder unbeantwortet. Sie isst immer noch gerne, sie weiß genau was ihr schmeckt, sie genießt Streicheleinheiten und legt ihre Stirn in Falten, wenn ich lautstark in ihr Zimmer stürme und „Hallo Mama“ rufe. Ich weiß genau, was sie damit ausdrückt: „Kind, schrei doch nicht so laut“.

Meine Mutter war zeitlebens eine fröhliche Person. Ihre Frisur, sprich Locken, waren ihr bis ins hohe Alter wichtig.

Entbehrungen und Verzicht

Ihre 100 Jahre waren geprägt von Entbehrungen und Verzicht, um die Familie heil durch den 2. Weltkrieg zu bekommen. Sie ging Hamstern, war mehrmals ausgebombt, wurde von Russen vergewaltigt. Als es dann wirtschaftlich bergauf ging und ich als dritte Tochter 1956 als gewollter? Nachkömmlich das Licht der Welt erblickte, schien die Welt in Ordnung zu sein.

Dann aber verstarb 1958 unser Vater an seinem Kriegsleiden. Nun war es die leidvolle Aufgabe unserer Mutter, ihre zwei heranwachsenden Töchter und eine Zweijährige alleine, mit wenig Rente und immer unter Beobachtung von Jugendämter und Nachbarn in Gladbeck, großzuziehen.

100 Jahre Geburtstag
Verliebt, verlobt….

Geheiratet hat sie nie wieder. Aus Sorge um ihre Kinder, wie sie mir mal sagte. „Mir kommt kein fremder Mann ins Haus. Wer weiß, was er dann mit meinen Mädchen alles anstellt“. Das waren immer ihre großen Bedenken.

14 Jahre Pflegeheim St. Martin

100 Jahre Geburtstag
…verheiratet.

Seit gut 14 Jahren lebt sie im Seniorenhaus St. Martin. Anfangs brachte sie dort mit ihren Sprüchen und Witzen die Pflegerinnen zum Lachen. Eines ihrer liebsten Sprüche war. „Alte Frau Bosse, wenn sie will, dann musse“.

Sie tanzte, scherzte und genoss hier, endlich ihre Ruhe zu haben und das „gut Aufgehoben sein“. Sich um nichts mehr kümmern zu müssen. Das hat sie sich verdient.

Immer ein offenes Haus für Hilfsbedürftige

Was habe ich als Kind mitbekommen? Was ist bis heute hängen geblieben und wonach habe ich gelebt? In jungen Jahren hätte ich noch gesagt: Nichts! Heute weiß ich sehr wohl, welche Einstellungen meiner Mutter mich zeitlebens geprägt haben.

Über den Krieg im Einzelnen hat sie leider nie großartig mit mir gesprochen. Viele Fragen sind offen.

Fakt aber ist, meine Mutter hatte immer ein offenes Haus für Menschen, die anders waren. Sie schleppte Obdachlose an und gab ihnen eine warme Mahlzeit.

Einem farbigen Studenten, der in den 60 ziger Jahren spät abends an unserer Haustür klingelte und Werbung für Bertelsmann machte, holte sie an den Küchentisch und versorgte ihn mit einem heißen Kakao. Eine alleinstehende Türkin mit drei Töchtern unterstützte sie Anfang der 70ziger Jahre regelmäßig in Gladbeck mit Kleidung. So entstand für mich die erste deutsch-türkische Freundschaft über Jahre hinaus.

Gegen Ausländerfeindlichkeit

Sie setzte sich zeitlebens immer gegen Ausländerfeindlichkeit ein und bewies Zivilcourage. Einen Satz aus den 60 ziger Jahren am Münsteraner Bahnhof habe ich nicht vergessen und prägt bis heute mein Leben. Dort stand ein Farbiger und wollte ein Ticket kaufen. Anwesende sagten: „Neger stinken alle, der auch“.

Darauf meine Mutter: „Haben sie sich eigentlich schon mal selber gerochen? Sie stinken auch“. Sie nahm den jungen Mann an die Hand und stellte sich couragiert mit ihm in die Reihe am Fahrkartenschalter an. Danke, Mama!

Immer gesundes Essen

Und was das Essen anbelangte, da war sie für damalige Verhältnisse schon sehr alternativ. Jeden Morgen vor der Schule musste ich Haferflocken mit Milch essen. Brötchen ja, aber nur in Kombination mit einer Scheibe Vollkornbrot.

Und nein, ich habe mich nicht immer mit meiner Mutter gut verstanden. Wir waren wie Katze und Maus.

Geburtstag 100 Jahre geboren 1919

Heute verstehe ich, warum meine Mutter so war, wie sie war. Heute würde ich mich gerne mit ihr unterhalten über Dinge, die ich ihr damals lieber verschwiegen habe.

Heute, ja heute wird sie 100. Heute kann ich ihr aber nur noch dankbar dafür sein, was sie mir an Werte mitgegeben hat. Denn heute weiß ich: Ohne ihr Verhalten, ohne diese ewigen Streitereien und ohne all das, was mich damals unheimlich geärgert hat, wäre ich nicht das, was ich heute bin.

Heute genießt sie die tägliche die Pflege und Fürsorge, ohne sich selber um alles kümmern zu müssen. Im Himmel kann es nicht schöner sein, denkt sie sich vielleicht. Also bleibe ich noch ein Weilchen. Und Raesfeld ist nun mal ja bekanntlich auch ein schöner Ort.

Danke auch an das Team von St. Martin, welches sich seit vielen Jahren täglich so liebevoll um meine Mutter kümmert!!!

 

1919?

Die Weimarer Verfassung (auch Weimarer Reichsverfassung, kurz WRV; offiziell: Verfassung des Deutschen Reichs) war die am 31. Juli 1919 in Weimar beschlossene,

Friedrich Ebert war Reichspräsident 1920

1919 war Woodrow Wilson amerikanischer Präsident.

Gründung der Bavaria Film

Ernst Späth gelingt die Strukturaufklärung und Synthese des Meskalins

Ernest Rutherford wandelt künstlich Stickstoff in Sauerstoff um

Gründung der „Eduard Züblin & Cie.

Aktiengesellschaft“ mit deutschem Personal aus dem Stammhaus in Straßburg. Firmensitz ist Stuttgart.

Gründung des Unternehmens Danone in Barcelona von Isaac Carasso

Francis William Aston entdeckt, dass Isotopie eine über das ganze Periodensystem verbreitete Erscheinung ist.

Gründung des Unternehmens Kawasaki Kisen durch Kojiro Matsukata in Tokio

Ende der Influenza-Pandemie („Spanische Grippe“), die 1918 begonnen hatte

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