StartGemeinde RaesfeldInterview mit Peter Stöbel: "Unsere Dividende ist das Dorf"

Interview mit Peter Stöbel: „Unsere Dividende ist das Dorf“

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Wie bleibt ein Ort lebendig, wenn sein zentraler Treffpunkt verschwindet? Die Antwort gaben über 2.000 Bürger selbst – mit der Gründung einer Bürgergenossenschaft, dem Bau eines neuen Dorfgemeinschaftshauses und dem HUB Erle. Im Gespräch mit Oliver Borgwardt (Redaktionsleiter der Heimatmedien) erklärt Peter Stöbel, Prokurist der Bürgergenossenschaft Erle, wie aus einer Idee ein Millionenprojekt wurde, warum es nicht um Rendite geht – und weshalb dieses Haus weit mehr ist als nur eine neue Kneipe.

Oliver Borgwardt:
Wir sitzen heute hier am 14. Januar zusammen mit Peter Stöbel, Prokurist der Bürgergenossenschaft Erle.
Peter, was ist eigentlich eine Bürgergenossenschaft?

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Peter Stöbel:
Eine Bürgergenossenschaft ist eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Das ist ein rechtliches Konstrukt, ganz einfach gesagt. Das ist eine besondere Gesellschaftsform, die nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet ist, sondern wo ein besonderer Gedanke dahintersteht.

Bei uns ganz konkret haben sich über 2.000 Personen zusammengefunden, die ein gemeinsames Ziel haben. Wir wollten mit der Genossenschaft ein neues Dorfzentrum, unser Dorfgemeinschaftshaus und eine Kneipe bauen. Dazu haben sich diese über 2.000 Genossen zusammengeschlossen.

Wir sind nicht darauf ausgerichtet, eine maximale Dividende zu erzielen, sondern unsere Dividende ist im Grunde: Wir haben ein Dorfgemeinschaftshaus.

„Wir hätten keinen Treffpunkt mehr gehabt“

Borgwardt:
Warum ist das überhaupt nötig geworden? Warum hat man nicht einfach eine Kneipe gebaut und laufen lassen?

Stöbel:
Das ist eine längere Geschichte. Vor gut fünf Jahren – ich glaube, es war 2018 – hat man festgestellt, dass unser Dorfwirt Arno Brömmel irgendwann seine Gastwirtschaft schließen wird. Er hatte keine Nachfolger.

Damit hätten wir im Ort keinen Treffpunkt mehr gehabt – keine Möglichkeit mehr für persönliche Feiern, Trauerfeiern und Ähnliches. Da hat man gesagt: Wie können wir das lösen?

Man hat überlegt, ob man die alte Gaststätte weiterführen kann, aber das war nicht möglich. Das Gebäude ist über 100 Jahre alt und hätte den heutigen Anforderungen nicht mehr entsprochen. Also war klar: Wenn, dann geht es nur mit einem Neubau.

Borgwardt:
Und dann kam die Idee der Genossenschaft?

Stöbel:
Ja. Eine Gruppe von etwa 15 bis 20 Leuten, die später auch die Gründungsmitglieder waren, hat sich zusammengesetzt. Einer davon war Johannes Böckenhoff von der Kornbrennerei. Er hat sein Grundstück in zentraler Lage an die Gemeinde verkauft.

Gemeinsam mit der Gemeinde hat man dann dieses Genossenschaftsmodell entwickelt, weil klar war: Einer allein kann so ein großes Projekt finanziell nicht stemmen. Und wir wollten eben keine Rendite erzielen, sondern einen Treffpunkt schaffen und zusehen, dass wir am Ende eine schwarze Null schreiben.

Borgwardt:
Wie habt ihr die Menschen in Erle davon überzeugt, mitzumachen?

Stöbel:
Natürlich musste man viel werben. Es gab viele Veranstaltungen und Treffen. Die Heimatmedien haben sehr geholfen, besonders Petra Bosse, die das Projekt von Anfang an unterstützt hat.

Man konnte Anteile zu je 300 Euro zeichnen, und so sind relativ schnell rund 1,5 bis 1,6 Millionen Euro zusammengekommen.

„Mit Corona drohte das Aus“

Borgwardt:
Dann kam Corona und alles wurde schwierig?

Stöbel:
Genau. Die Preise sind extrem gestiegen, die Zinsen auch. Unser damaliger Pächter ist abgesprungen. 2023 hatten wir eine Unterdeckung von 1,1 Millionen Euro und standen eigentlich vor dem Aus.

Auf der Generalversammlung im Oktober 2023 wurde dann der neue Pächter Christian Lipfert vorgestellt. Die Mitglieder waren begeistert und haben dem Vorstand den Auftrag gegeben, weiterzumachen und Kosten zu senken.

Borgwardt:
Und da bist du dazugekommen?

Stöbel:
Ja. Ich habe den Vorstand dann unterstützt, habe die Projektsteuerung übernommen, Angebote neu verhandelt, Kostenpläne aktualisiert. So konnten wir von den 1,1 Millionen rund 800.000 Euro auffangen – durch neue Anteile und durch massive Kostensenkungen.

Borgwardt:
Kurz zu deinem Hintergrund: Warum konntest du diese Aufgabe übernehmen?

Stöbel:
Ich war Steuerberater, leitender Angestellter bei E.ON und habe große internationale Projekte betreut. Projektmanagement, Kostenkontrolle, Verantwortung – das gehört zu meinem Berufsleben. Dazu kommt meine handwerkliche Erfahrung. Diese Kombination hat hier gut gepasst.

Borgwardt:
Wie ist die Finanzierung jetzt gesichert?

Stöbel:
Die Nettobaukosten liegen bei rund 2,5 Millionen Euro. 2,1 Millionen stammen aus den Anteilen der Genossen. Die restliche Lücke ist durch Darlehen, teils zinslos, geschlossen.
Wir verpachten das Gebäude an Christian Lipfert. Unser Ziel ist eine schwarze Null.

„Erle ist mehr als ein Schlafort“

Borgwardt:
Warum engagieren sich so viele Menschen für dieses Projekt?

Stöbel:
Weil Erle mehr sein soll als ein Schlafort. Wir brauchen einen Treffpunkt. Und viele sagen: Das ist etwas Besonderes. Menschen aus der Region und sogar aus dem Ausland haben Anteile gezeichnet, einfach um dieses Projekt zu unterstützen.

Borgwardt:
Wird diese Gemeinschaft weiter bestehen?

Stöbel:
Ja, absolut. Hier steckt unglaublich viel Herzblut drin – bei den Bürgern, bei den Unternehmen, bei allen Beteiligten. Das wird unser Dorf lange prägen.

Borgwardt:
Gab es Zweifel, ob das neue HUB an die alte Gaststätte Brömmel anknüpfen kann?

Stöbel:
Natürlich. Arno Brömmel war eine Institution. Aber wir wollten bewusst etwas Neues schaffen. Jede Veränderung braucht Zeit. Ich bin mir sicher: Das HUB wird angenommen. Spätestens bei der Eröffnung am 7. Februar.

Borgwardt:
Vielen Dank für das Gespräch.

Stöbel:
Sehr gern.

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