StartGemeinde RaesfeldInterview mit Thieken Architekten: „Ein Haus für Begegnung entsteht nicht zufällig“

Interview mit Thieken Architekten: „Ein Haus für Begegnung entsteht nicht zufällig“

Veröffentlicht am

Bernfried Lammersmann und Tobias Göbel von der Firma Thieken Architekten und Ingenieure GmbH haben das HUB Erle von den ersten Entwürfen bis zur Fertigstellung begleitet. Sie berichten, wie sich aus einer Hofidee ein Dorfgemeinschaftshaus entwickelte, welche architektonischen Entscheidungen prägend waren und warum Funktion, Ortsbild und Gemeinschaft bei diesem Projekt untrennbar zusammengehören.

Oliver Borgwardt:
Heute ist der 20. Januar 2026. Ich sitze hier mit Bernfried Lammersmann, Diplom-Ingenieur und Architekt, sowie Tobias Göbel, ebenfalls Architekt von Thieken Architekten. Schön, dass Sie da sind.

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Bernfried Lammersmann / Tobias Göbel:
Danke für die Einladung.

Borgwardt:
Heute geht es um das HUB Erle, dessen Bau Sie maßgeblich mitentwickelt haben. Man kann sagen, Sie haben das Projekt von Anfang an begleitet.

Ich hatte bereits Gelegenheit, mit dem früheren und dem jetzigen Wirt sowie mit einem Vertreter der Genossenschaft zu sprechen. Nun soll es um die eigentliche Bauabwicklung gehen.

Welche Herausforderung war es, aus dem alten Scheunengebäude – das ja noch im Bestand vorhanden war – das heutige HUB Erle zu entwickeln? Vielleicht können Sie dazu ein wenig erzählen.

Tobias Göbel:
Ich denke, man muss einen Schritt früher ansetzen. Im Grunde handelte es sich um eine komplette Grundstücksentwicklung. Zur Silvesterkirche hin standen auf der Nordseite des Grundstücks eine Scheune und auf der Südseite eine Remise.

Unser Büro hatte damals die Möglichkeit, auf der Südseite ein Mehrfamilienhaus zu planen. Das Ganze war immer als eine Art Hofsituation gedacht. Wir haben Perspektiven entwickelt, die zeigten, wie beide Gebäude – das Mehrfamilienhaus auf der einen Seite und der geplante Festsaal auf der anderen – zusammenwirken und in der Mitte ein Platz entsteht. Dieser Platz sollte von zwei giebelständigen Gebäuden gefasst werden, die beide zur Silvesterkirche ausgerichtet sind.

Zunächst haben wir das Mehrfamilienhaus auf der Südseite errichtet. 2018 entstanden dann die ersten Ideen für einen Festsaal.

Die Bestandsgebäude wurden nach und nach abgerissen, und schließlich konnten wir das HUB an dieser Stelle neu errichten.

Borgwardt:
Welche Vorgaben gab es zu Beginn? Stand von Anfang an fest, dass das Gebäude diese Größe haben sollte, oder entwickelte sich das schrittweise?

Göbel:
Der Prozess war immer stark betreiberorientiert. Der erste Betreiber, der später abgesprungen ist, bildete zunächst die Grundlage für unser Konzept.

Borgwardt:
Das war Herr Wachtmeister?

Göbel:
Genau. Damals war zum Beispiel nur eine kleinere, eher als Aufwärmküche gedachte Küche vorgesehen. Heute gibt es einen großen Küchenbereich im Nebengiebel zum Platz hin – eine echte Profiküche. Auch das Thema Keller war ursprünglich anders geplant.

Aufgrund der angrenzenden Gebäude – Apotheke und Straßenraum – ergab sich bereits eine gewisse Gebäudelänge. In der Mitte sollte weiterhin der Dorfplatz entstehen, sodass das Baufeld relativ klar definiert war.

Zum Platz hin haben wir den Nebengiebel entwickelt, um zusätzliche Fläche zu gewinnen. Dadurch konnten wir das Konzept später gemeinsam mit dem neuen Betreiber feinjustieren.

Die WC-Anlagen wurden schließlich in den Keller verlegt; zuvor waren sie im Erdgeschoss vorgesehen, weil die Küche kleiner geplant war. Mit der Entscheidung für eine Profiküche wurde dieser Bereich größer, und die verbleibende Fläche stand den Gästen zur Verfügung.

Das Gebäude war immer zoniert gedacht: Ein Teil als Festsaal mit bis zu 10,50 Metern lichter Höhe – ein multifunktionaler Raum für Hochzeiten und Veranstaltungen – und ein weiterer Teil für die Gastronomie.

Letzterer wurde über zwei Etagen organisiert, da zur Straße hin nur begrenzte Grundstückstiefen vorhanden waren. Genau an der Schnittstelle zwischen Eventbereich und Gastronomie liegt die Küche, um kurze Wege in beide Richtungen zu ermöglichen.

Borgwardt:
Durch Corona sind die Preise stark gestiegen, weshalb Anpassungen notwendig wurden. Welche Veränderungen hat es gegeben?

Göbel:
Ein konkretes Beispiel sind die Fenster. Ursprünglich waren komplette Rundbogenfenster vorgesehen. Später haben wir auf rechteckige Fenster umgestellt, bei denen der Bogen nur noch im Rahmen ausgebildet ist. Dadurch wurde jedes Element weniger speziell und günstiger.

Auch die Dachgestaltung wurde angepasst: Das Dach war zunächst höher angesetzt. Außerdem haben wir statt Naturstein Fliesen gewählt.

An vielen kleinen Stellschrauben beim Material haben wir gespart, an der Fläche selbst jedoch keine Abstriche mehr gemacht – sonst wäre die Nutzbarkeit zu stark eingeschränkt worden.

Borgwardt:
Ist das Gebäude vollständig unterkellert?

Bernfried Lammersmann:
Nein, es ist teilunterkellert. Dort befinden sich WCs, Lagerräume, Kühlräume, Technik und Hausanschlüsse.

Borgwardt:
War das von Anfang an so geplant?

Lammersmann:
Ja. Zwischendurch gab es die Idee, eine Kegelbahn einzubauen, das war aber finanziell nicht darstellbar.

Borgwardt:
Das Projekt lag bei rund 1,5 Millionen Euro?

Lammersmann:
Ja, allerdings ohne Einrichtung.

Borgwardt:
Wie lange dauerte der Prozess von der ersten Planung bis zur Schlüsselübergabe?

Lammersmann:
Begonnen haben wir etwa 2017. Der Entwurf, den wir 2018 auch im Rathaus vorgestellt haben, stammt aus diesem Jahr. Danach gab es längere Pausen, bis die Kosten erneut überarbeitet wurden und schließlich die Entscheidung zum Bau fiel.

Der Zeitpunkt war ungünstig: Nach dem Entwurf 2018 kam 2020 Corona, später der Ukraine-Krieg. Dadurch stiegen die Baukosten erheblich, und über die Genossenschaft musste zusätzliches Geld eingeworben werden.

Borgwardt:
Über welche Steigerung sprechen wir?

Lammersmann:
Etwa eine halbe Million – von 1,1 auf 1,5 Millionen Euro.

Borgwardt:
Zur Formensprache: Warum haben Sie sich für diese Dachformen entschieden?

Göbel:
Wir hatten zwei Varianten vorgestellt: eine moderne, angelehnt an das benachbarte Ärztehaus, mit Pfosten-Riegel-Fassade – und eine traditionelle, stärker ortstypische Version mit Dachüberstand und Rundbögen.

Die Verwaltung entschied sich für den traditionellen Entwurf, damit sich das Gebäude besser in den ländlichen Kontext einfügt.

Es war sogar gewünscht, die frühere Hofstelle wieder erkennbar zu machen. Die Ausrichtungen der alten Gebäude – Bullenstall und Scheune – spiegeln sich heute im Mehrfamilienhaus und im HUB wider. Der Nebengiebel zum Platz schafft Verbindung und zusätzliche Fläche: unten für die Küche, oben für Büros und Umkleiden.

Borgwardt:
Welche Materialien wurden verwendet?

Lammersmann:
Das Dach ist mit Tonziegeln der Firma Nelskamp gedeckt, die Fassade besteht aus Klinker. Am Eingang gibt es einen Natursteinsturz als Akzent.

Lammersmann / Göbel:
Die Fenster sind aus Kostengründen Kunststofffenster.

Göbel:
Innen wurden überwiegend Vinylböden und Fliesen verwendet, in den WCs sind die Wände komplett gefliest. Im Festsaal und Gastronomiebereich gibt es gestrichene Vliestapeten, teilweise Akzentwände mit Riemchen.

Beim Klinker haben wir uns am Mehrfamilienhaus orientiert: farblich abgestimmt, das HUB jedoch etwas traditioneller und wärmer. Die Muster wurden sogar in der alten Kneipe ausgelegt, und Mitglieder der Genossenschaft haben mitentschieden.

Borgwardt:
Gab es Überlegungen, das alte Brömmel-Wilms-Gebäude zu sanieren?

Göbel:
Kurzzeitig ja, als die Kosten stiegen. Aber der Sanierungsstau war so groß, dass es teurer geworden wäre als ein Neubau. Außerdem wäre Barrierefreiheit dort kaum umsetzbar gewesen. Der Neubau war zukunftsorientierter.

Borgwardt:
Welche Anforderungen gelten bei der Barrierefreiheit?

Göbel:
Entscheidend ist Schwellenlosigkeit. Wir können direkt vom öffentlichen Raum ebenerdig eintreten. Wichtig sind zudem ausreichende Bewegungsflächen.

Im Eingangsbereich gibt es ein barrierefreies WC, außerdem einen Plattformlift, der alle Ebenen erschließt. Auch Treppenbreite, automatische Türen und der Windfang wurden entsprechend geplant.

Borgwardt:
Was waren die größten Herausforderungen?

Göbel:
Vor allem der Betreiberwechsel und die gleichzeitigen Kostensteigerungen. Wir mussten Grundrisse neu ordnen, etwa wegen der Profiküche.

Trotz vieler Genossen als Bauherren gab es klare Strukturen. Mit Peter Stöbel hatten wir einen guten Ansprechpartner und kurze Entscheidungswege.

Borgwardt:
Und im Bauablauf?

Lammersmann:
Besonders die Lüftungsanlage war anspruchsvoll. Sie musste vor dem Richten in den Spitzboden eingebracht werden, weil sie später nicht mehr hineingepasst hätte.
Auch die Küchenplanung erforderte viel Abstimmung mit Hygieneamt und Technik.

Borgwardt:
Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Lammersmann / Göbel:
Ja. Die Stimmung im Dorf ist sehr positiv.

Borgwardt:
Gibt es einen Punkt, auf den Sie besonders stolz sind?

Lammersmann:
Die Gründertafel wird sicher ein Highlight. Viele beteiligte Firmen kommen aus der Region.
Und architektonisch ist der Vorher-Nachher-Vergleich spannend – es gibt Fotos der alten Scheune und der heutigen Situation.

Göbel:
Von der Schermbecker Straße aus sieht man schön, wie HUB und Mehrfamilienhaus die frühere Hofstruktur neu interpretieren.

Lammersmann:
Auch der Blick von innen vor dem Giebelfenster ist beeindruckend.

Göbel:
Genau – von dort schaut man direkt in den Kern des Gebäudes.

Borgwardt:
Dann danke ich Ihnen herzlich für das Gespräch.

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