StartGemeinde RaesfeldInterview mit Arno Brömmel: „Ein Dorf lebt von Veränderungen“

Interview mit Arno Brömmel: „Ein Dorf lebt von Veränderungen“

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Arno Brömmel hat fast sein ganzes Leben in und mit der Gaststätte Brömmel Wilms verbracht. Im Gespräch blickt der langjährige Wirt auf den Abschied von der alten Kneipe, auf den Wandel der Dorf- und Kneipenkultur und auf seine Hoffnung, dass das HUB Erle den Geist der Gemeinschaft in neuer Form weiterträgt.

Oliver Borgwardt:
Heute ist der 15. Januar. Ich befinde mich hier in der alten Kneipe Brömmel-Wilms im Herzen von Erle. Hier ist schon ein bisschen Aufbruchstimmung, einiges ist schon weggeräumt. Mir gegenüber sitzt Arno Brömmel, den begrüße ich ganz herzlich. Ich freue mich sehr, dass Sie sich Zeit genommen haben für mich heute.

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Arno Brömmel:
Ja, guten Morgen. Hallo.

Borgwardt:
Herr Brömmel, man sieht so ein bisschen: Die Zeit von Brömmel-Wilms geht ihrem Ende zu. Können Sie erzählen, wie es überhaupt dazu kam?

Brömmel:
Ja, wie kam es dazu? Ich denke mal, es ist so circa sieben Jahre her, da saß ich mit meinem Bankmenschen, dem Michael Weddeling von der Volksbank, zusammen. Wir haben gefachsimpelt: Das Haus müsste mal saniert werden, da müsste so vieles gemacht werden. Ich habe auch schon mein Alter, habe keinen, der es weitermacht – da wird es schwierig, sowas zu sanieren und vor allem weiterzuführen.

Michael sagte damals: Ein Dorf braucht doch auch eine Gaststätte, das gehört zur Infrastruktur. Dann habe ich überlegt: Was macht man?

Hier war es tatsächlich so: Wenn ich einen Blutsverwandten gehabt hätte, der das Lokal weiterführen will, wären die Auflagen vielleicht nicht ganz so schlimm geworden. Kommt aber ein Fremder rein, hätte ich so vieles machen müssen. Zum Beispiel das Treppenhaus zum Hotel – da hätte Beton gegossen werden müssen. Es wären viele Maßnahmen nötig gewesen, um das Geschäft weiterzuführen.

Und dann muss man bedenken: Das ist ein älteres Gebäude. Es hat den Krieg erlebt, ist bombardiert worden, hat eine Bombe mitgekriegt. Es ist hier und da notdürftig gepflegt worden, aber nach heutigem Stand nicht mehr tragfähig, nichts mehr, wo man drauf aufbauen könnte.

Dann kommt das Energetische dazu: Das Haus wird noch mit zwei alten Heizungen geheizt. Dieser große Kasten – das ist nicht mehr umweltgerecht, alles in die Jahre gekommen.

Und so fingen wir an zu überlegen. Wir haben das an der Theke erzählt, haben in unserem damaligen Bürgermeister Andreas Grotendorst schnell einen Freund gefunden, der das unterstützt hat. Viele Gäste sagten: Wir müssen etwas machen, wir müssen eine neue Gaststätte bauen.

Borgwardt:
Wie ging es dann konkret weiter?

Brömmel:
Damals kam mir die Idee, auf dem Hof Böckenhoff das alte Stallgebäude zu nutzen. Da war eine dicke Betondecke drin, da hätte man in zwei Etagen gut was machen können. Aber die Gedanken waren anders – man wollte dort ein Mietshaus bauen.

Dann wurde hier die alte Scheune abgerissen, und so hat sich das aufgebaut. Es wurde eine Genossenschaft gegründet. Und man muss sagen – das sage ich auch mit Stolz –, wie die Erler da zusammengehalten haben. Auch viele Freunde aus Schermbeck, Raesfeld, Dorsten – von überall her sind sie gekommen und haben gezeichnet, um das zu unterstützen. Das ist schon eine phänomenale Sache.

Aber der Ausgangspunkt war ja: Was passiert hier, wenn ich mal nicht mehr bin? Ich fühle mich zwar wohl, bin aber leicht gesundheitlich angeschossen. Das Ganze kann schon stressen – Feierlichkeiten, Vorbereitungen. Mein Arzt hat mir gesagt: „Herr Brömmel, wie lange wollen Sie eigentlich noch machen?“

Und dann ist man angefangen zu überlegen, zu denken: Was kann man machen?

Borgwardt:
Das muss für viele Erler ein Schock gewesen sein, als Sie gesagt haben: Ich werde bald aufhören. Wie haben die Leute reagiert?

Brömmel:
Letztendlich gar nicht so stark, weil es gar nicht so weit gekommen ist. Ich hatte die Idee ja schon im Kopf mit ein paar Leuten zusammen. Das ist schnell verflogen, weil man gesehen hat: Es geht weiter, nur anders.

Natürlich sind heute noch viele Gäste traurig. Dieser angestammte Platz hier hat ihnen gut gefallen, der hat Behaglichkeit ausgestrahlt. Ich selbst war jeden Tag hier drin, da wird man betriebsblind. Gäste von auswärts sagten oft: „Mein Gott, was ist das für eine schöne alte Gaststätte.“ Ich habe das nie so gesehen.

Auch heute sagen viele: Schade, dass es wegkommt. Die Theke hier, Ort der Geselligkeit – da trauern sie drum. Ich will hoffen, dass das im HUB weiterläuft. Es ist neu, es ist anders – wir gehen in neue Zeiten. Ein Dorf lebt von Veränderungen.

Borgwardt:
Wie lange waren Sie denn hier Wirt?

Brömmel:
Ich bin in diesem Haus geboren, wie meine Geschwister, meine Mutter auch. Ich habe hier meine Jugend gehabt, bin nach der Bundeswehr mit 21 eingestiegen, bin jetzt 67. Also 45 Jahre schnell.

Die Urkunde für 40 Jahre habe ich schon gekriegt, für 25 auch – über 45 Jahre habe ich es hier gemacht.

Borgwardt:
Sie haben einen Einblick über Jahrzehnte. Wie hat sich die Kneipenkultur verändert?

Brömmel:
Gravierend. Vor 20, 25 Jahren hatten sie abends noch einen Dämmerschoppen, da saßen sieben, acht, neun Mann an der Theke. Das ist heute nicht mehr.
Die Gaststätte hat als Ort der Geselligkeit verloren. Man trifft sich noch, aber anders. Heute findet mehr am Tisch statt. Klicken kommen wohl noch, aber Frühschoppen und Dämmerschoppen – das ist weggebrochen.

Früher hatten wir in Erle sechs Gaststätten, die waren alle glücklich. Heute muss eine noch überleben. Und da brauchen wir jetzt auch im HUB Christian Lipfert, der braucht unsere Unterstützung. Wir können nicht dran vorbeilaufen. Dafür haben wir es nicht gebaut. Wir müssen auch reingehen – vielleicht wird es neu belebt wie ein neues Kerngut.
Ich gönne es ihm von Herzen, dass es klappt.

Borgwardt:
Christian Lipfert hat von Ihrer ersten Begegnung erzählt. Wie haben Sie das erlebt?

Brömmel:
Wir haben von der Genossenschaft überlegt: Wer kann das machen? Dann kamen ein paar junge Frauen und sagten: Wir kennen da jemanden, der hätte Spaß dran.
Zu dem Zeitpunkt wohnte Christian schon zwölf Jahre in Erle, aber ich kannte ihn nicht. Ich habe ihm gesagt: Du hast dich gut versteckt.

Er stellte sich vor, machte sofort einen sympathischen Eindruck. Wir sind schnell zusammengewachsen. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten – ich habe meinen Drall, Christian seinen. Aber ich konnte mir Zeit lassen und sagen: Ich gebe ihm im nächsten Jahr die Gaststätte ab. Und so ist es jetzt auch.

Christian hat viel auf sich genommen, das muss man sagen. Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute, dass das klappt – auch als Aufsichtsratsvorsitzender der Bürgergenossenschaft wünsche ich mir das. Alle sollen Freude an dem Objekt haben, auch Christian, der muss es ja bezahlen mit der Pacht.

Borgwardt:
War es für Sie ungewohnt, dass es kein „Brömmel 2.0“ geben wird, sondern ein neues Konzept?

Brömmel:
Nein. Ein Dorf lebt von Veränderungen. Es kann nicht immer alles so bleiben, wie es ist.
Ich freue mich auf das, was kommt. Ich kann jetzt endlich Dinge machen, an denen ich immer Freude hatte. Und ich werde mich freuen, wenn ich bei Christian in die Gaststätte gehe und mit Erlern ein Bier trinke. Da habe ich kein Problem mit – ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Borgwardt:
Was passiert mit dem alten Gebäude?

Brömmel:
Ich würde gern, dass es in der Familie bleibt. Ich möchte mir den Stress von Bauaktivitäten nicht mehr antun. Ich werde es an Familienangehörige abgeben, Namen möchte ich nicht nennen.

Hier soll ein Wohngebäude entstehen, Interessenten gibt es. Ich möchte selbst auch wieder hier wohnen. Was genau entwickelt wird, ist nicht mehr meine Sache.

Borgwardt:
Sie kommen jetzt von der Theke zurück ins Tageslicht. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Brömmel:
Ich habe immer Spaß an der Dorfgemeinschaft gehabt. Über 40 Jahre war ich im Schützenverein aktiv, 33 Jahre Präsident. Ich setze mich gern für mein Dorf ein.
Was ich jetzt vertiefen werde, ist meine Tätigkeit als Ratsmitglied im Rat der Gemeinde Raesfeld. Ich möchte mich noch nicht zur Ruhe setzen, aber das tun, was ich gern mache.

Borgwardt:
Dann wünsche ich Ihnen dafür alles Gute. Wir sind gemeinsam gespannt auf die Eröffnung des neuen HUB Erle am 7.2. Vielen Dank, Herr Brömmel.

Brömmel:
Ja, danke für Ihre Zeit.

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