Einheitsbild – In Erle gibt’s ein Neubaugebiet – Neues von DeWo

Stand die Woche inne Zeitung: In Erle gibt’s ein Neubaugebiet. Irgendwo dahinten, wo der Bus seine Endhaltestelle hat. Leute können da ihre Häuser bauen. Dachneigung soundsoviel Grad. Plus-minus. Hat die Dachneigungsaufsichtsbehörde so festgelegt.

Wegen dem „Gesamteindruck“. Oder so.

Wahrscheinlich hat die Dachrichtungsaufsichtsbehörde auch festgelegt, daß alle Giebel nach West-Nord-West gucken müssen. Dahin, wo die Behörde steht. Aus Ehrfurcht, oder so. Und wegen dem Gesamteindruck.

Gott, wie laaangweilig!

In Belgien macht man das anders. Dort haben wir viele Jahre lang gewohnt, und ein großes Vergnügen war es, am Sonntagnachmittag durch die Wohngebiete von Kraainem oder Tervuren oder Wezembeek zu laufen und sich die Häuser anzusehen, die die Leute sich da gebaut haben. Da sieht keins wie’s andere aus. Da baut nämlich jeder, wie er grad so will. Der eine hat ‘n Spitzdach, der andere ‘n Satteldach, der dritte ‘n Flachdach. Und auf dem züchtet er Gemüse. Also, Kappes und Schnittlauch und Petersilie und sowas. Stangenbohnen nicht. Weil, die Bohnenstangen wären so hoch, dass er obendran Positionslampen für die Flugzeuge montieren müsste. Die Häuser in Kraainem liegen nämlich genau in der Einflugschneise zur Bahn Null-Zwo vom Brüsseler Flughafen. Da sind die Flieger schon so tief, dass man manchmal den Piloten beim Nasebohren zusehen kann. Und die würden die Bohnenstangen auf dem Dach von dem Typ glatt abrasieren. Weil, der hat sich nämlich so’nen dreistöckigen Betonklotz vom Typ „Atombunker“ dahingestellt. Ziemlich hoch und ziemlich hässlich. Aber soller doch, wenn’s ihm gefällt.

Und ‘ner roten Lampe obendrauf

Sein Nachbar war da phantasievoller. Dessen Haus sieht aus wie die belgische Kopie von Burg Stahleck. Wirklich! So mit ‘nem runden Turm an einer Seite, der ein Stockwerk über den Dachgiebel rausragt. Und ‘ner roten Lampe obendrauf. Wegen der Flugzeuge, klar, oder? Seine Kinder werden’s großartig finden. Weil man sie in einem Rundbau nicht zur Strafe in die Ecke stellen kann, wenn sie sich danebenbenommen haben.

Wieder einer hat sich eine Villa im „Maurischen Stil“ gebaut. So mit runden Spitzbogenfenstern und roten Ziegelsteinen drumrum. Und einem Brunnen im Vorgarten, wie man die so in den Sahara-Oasen findet. Rundgemauert und mit Ziegeldach über der Laufrolle, an der der Eimer hängt. Wir hatten immer gedacht, da wohnt Hadschi Halef Omar, und Kara Ben Nemsi kommt gleich mit seinem Vollblut-Araber um die Ecke getrabt. Stimmt aber nicht. Der Typ, der da wohnt, heißt Armand Vandersteenbrugge, oder so ähnlich. Jedenfalls nix Maurisches.

Vorgärten komplett zubetoniert

Fast keiner hat einen Gartenzaun vor dem Haus. Manche haben ein paar Büsche gepflanzt, und bei anderen geht der Rasen direkt bis an den Bürgersteig. Manche haben allerdings auch ihre Vorgärten komplett zubetoniert, damit sie ihre Autos und Wohnwagen da abstellen können.
Einer hat sich sogar eingemauert. Mit so ‘ner richtigen Festungsmauer, so mit Zinnen und Schießscharten und allem. Und einem wuchtigen Holztor aus alten Eisenbahnschwellen. Da denkst Du, das ist der Eingang zum belgischen ‚Fort Knox‘. Is aber nich so.

Vorgartengestaltungsvorschriftenmacher

Eines Sonntags stand das Tor mal offen, und was versteckt sich dahinter? – Nee, kein Schloss oder sowas, sondern ein popeliges Streif-Fertighaus. Wahrscheinlich war die Festungsmauer dermaßen teuer, dass es für die Hütte nur noch geradeso gelangt hat. Aber dem Festungskommandanten scheint’s zu gefallen. Also soller doch. Bei uns würden die grünen Vorgartengestaltungsvorschriftenmacher im Raesfelder Rat die Pimpernellen kriegen, wenn sie das sähen.

Schon allein wegen dem Gesamteindruck und so.

Jedenfalls müssen bei uns die Vorgärten mit Jägerzäunen zum Bürgersteig hin abgegrenzt sein, bestehend aus halbrunden Latten, Durchmesser fünfundsechzig bis fünfundsiebzig Millimeter, dunkelbraun lasiert. Rastermaß hundertfuffzich Millimeter. Klaro? Sagt das Vorgartenzäunegestaltungsamt. Also bitte! Schließlich soll das neue Wohngebiet ja einen einheitlich, ordentlichen Eindruck machen. Und da kann nicht jeder, wie er will. Punktum!

Wo kämen wir denn da hin???

Also, wo wir da hinkommen, ist doch klar, oder? – Einheitlich, ordentlich. Uniform, sozusagen. Jedenfalls bei den Wohnhäusern. Damit geht’s los.
Und ich warte darauf, dass demnächst auch eine Straßenbekleidungsvorschriftenbehörde eingerichtet wird. Schließlich geht’s ja gar nicht an, dass die Leute einfach in den Klamotten rumlaufen, die ihnen gerade so gefallen. Wie sieht denn das aus??? Schließlich soll das Bild in der Fußgängerzone doch ordentlich und einheitlich sein. Oder etwa nicht? Die Chinesen hatten so was schon mal. Ende der Sechziger und in den Siebzigern, gleich nach der „Kulturrevolution“. Hat zwar auf die Dauer nicht so ganz toll funktioniert, aber die haben das eben nicht richtig angefasst, die Chinesen. Uns Deutschen würde so was ja nicht passieren. Wenn hier bei uns was geregelt wird, dann aber auch gründlich. Ausnahmslos und alternativlos.

Wegen dem Gesamteindruck und so.

In diesem gesamteindrücklichen Sinne:
Ein einheitliches und ordentliches Wochenende
wünscht


DeWo

Vorheriger ArtikelRaesfeld – Freunde sahen Unheil voraus
Nächster ArtikelPlätze für die Berufsfelderkundungen
avatar
Netiquette - Kennzeichnen Sie den Kommentar mit Ihrem Namen. Benutzten Sie dabei keine anonymen Namen. Mailadressen und andere persönliche Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Wir behalten uns vor, Kommentare zu löschen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen. Mit dem Abgeben eines Kommentars erklären Sie Ihr Einverständnis, dass Ihr Benutzername und der Kommentartext in Gänze oder in Auszügen auf Heimatreport zitiert werden kann. Achten Sie auf einen sachlichen Umgangston! Beleidigende, diskriminierende oder anstößige Kommentare, die gegen das Gesetz verstoßen, löscht die Redaktion.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here