Kreis Borken analysiert Coronavirus-Infektionsgeschehen: Ansteckungen häufig im familiären bzw. privaten Bereich

Warum gfällt der Inzidenzwert trotz harten Lockdown einfach nicht? Über 400 Coronavirus-Neuinfektionen in der ersten Februarhälfte wurden näher zu analysiert – mit aufschlussreichen Ergebnissen. Der britische Virustyp liegt im Kreis Borken bereits bei 16 Prozent und widerspricht der Studie, dass dieser sich hauptsächlich in Ballungsgebieten ausbreitet

Kreis Borken (pd). Der Wert der „7-Tage-Inzidenz“ im Kreis Borken sinkt seit gut einem Monat nicht mehr. Er bewegt sich vielmehr „seitwärts“ in einem Korridor zwischen knapp unter 50 und mehr als 60. Und das trotz des harten Lockdowns seit Mitte Dezember.

Analyse von 400 Coronavirus-Neuinfektionen

Gründe für diese Entwicklung, auch im Vergleich zu den Nachbarkreisen, scheinen auf den ersten Blick nicht ersichtlich zu sein. Daher haben sich nun die Fachleute des Kreisgesundheitsamtes im Auftrag von Landrat Dr. Kai Zwicker kurzfristig darangemacht, exemplarisch alle über 400 Coronavirus-Neuinfektionen in der ersten Februarhälfte näher zu analysieren. Mit aufschlussreichen Ergebnissen, wie Kreisdirektor Dr. Ansgar Hörster in seiner Funktion als Sozial- und Gesundheitsdezernent der Kreisverwaltung berichtet.

Steigende Tendenz-Treffen im kleinen Kreis

Sicher nachweisen lassen sich Ansteckungsketten derzeit vor allem im familiären bzw. privaten Bereich: „Das Zusammenleben in häuslicher Gemeinschaft führt immer noch zu den höchsten (Folge-)Infektionen. Mit steigender Tendenz!“
Zusammenhängende größere Infektionsgeschehen („Cluster“) – etwa in Einrichtungen der Altenpflege oder im Krankenhaus – gebe es hingegen im Kreis aktuell kaum. Ein weiterer Teil der Infektionen finde darüber hinaus im Zusammenhang mit den Kontakten am Arbeitsplatz oder beim Treffen „im kleinen Kreis“ statt.

Landrat Dr. Kai Zwicker appelliert daher eindringlich an alle Bürger im Westmünsterland, bei den Kontaktbeschränkungen und den Abstands- und Hygieneregelungen nicht nachlässig zu werden. Auch Treffen und Zusammenkünfte im kleinsten Kreise etwa, um gemeinsam Fußballspiele im TV anzuschauen, hätten in den vergangenen Wochen zu einer schnellen Weiterverbreitung des Virus geführt.

Zur Analyse des Kreises Borken:

Im Zeitraum vom 1. bis zum 14. Februar gab es im Kreis Borken insgesamt 427 positive Befunde:

376 waren durch Hausärzte veranlasst worden, weil ihre Patienten Krankheitssymptome wie Husten, Fieber und Schnupfen, Störungen des Geruchs- oder Geschmackssinns aufgewiesen hatten. Viele dieser Befunde stammen von einem Großlabor im niedersächsischen Schüttorf, das für zahlreiche Arztpraxen im Kreis Borken arbeitet.

61 hochinfektiöse britische Mutanten

Für eine begrenzte Zeit wertete das Labor auf eigene Initiative alle positiven Proben weitergehend aus. Bei dieser „Typisierung“ wurde in 61 der 376 Positiv-Fälle (also in rund 16 Prozent) die hochinfektiöse britische Mutante festgestellt.

Die übrigen 51 positiven Ergebnisse rührten aus den vom Kreisgesundheitsamt in diesem Zeitraum angeordneten 877 Testungen in der „Zentralen Abstrichstelle“ in Stadtlohn her.

Mehr als die Hälfte davon wiederum stammen von Kontaktpersonen am Ende ihrer Quarantänezeit.
88 Prozent aller Neuinfektionen sind somit über die Hausärzte bekannt geworden, die offensichtlich bei entsprechender Symptomatik konsequent Corona-Tests durchführen.

Zudem konnten Infektionen durch konsequentes Testen von Kontaktpersonen zum Ende der Quarantäne erkannt und damit neue Infektionsketten unterbrochen werden.

Häusliches und familiäres Umfeld

Bei Betrachtung dieser Infektionsketten stellte sich heraus, dass für ein Drittel aller Infektionen das häusliche bzw. familiäre Umfeld ursächlich war. Ein weiteres Drittel der Fälle war nicht aufzuklären, entweder weil die vorliegenden Sachverhalte keine weiteren Infektionszusammenhänge ergaben oder weil Aufklärung gar nicht möglich war (etwa aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten oder weil die Betroffenen aufgrund ihrer schlechten körperlichen Verfassung nicht ansprechbar waren).

Jeweils 5 Prozent hatten ihre Ursache am Arbeitsplatz sowie in medizinischen Einrichtungen. Allen übrigen Infektionsfällen lag ein diffuses Geschehen zugrunde.

Britsche Virustyp im Kreis Borken

Schlussfolgerungen für den Kreis Borken

Für den Kreis Borken ergibt sich daraus laut Dr. Hörster vor allem folgende Schlussfolgerung: „Das Risiko, sich in der häuslichen Gemeinschaft zu infizieren, ist weiterhin sehr groß – gerade auch mit gegenüber dem ‚Stamm-Virus‘ deutlich aggressiveren Virusmutanten.“

Dass im Kreis Borken der britische Virustyp bereits bei 16 Prozent der von den Hausärzten veranlassten Befunde nachgewiesen wurde, stehe im deutlichen Widerspruch zu den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Münster, wonach sich die Virus-Mutanten in NRW vor allem in den Ballungsräumen und nicht so sehr in den Grenzregionen wie dem Kreis Borken ausbreiten würden.

Grenzregion zu den Niederlanden stark betroffen

Da die Untersuchung aber das für den hiesigen Raum so wichtige Labor im niedersächsischen Schüttorf nicht miterfasst habe, ist ihr Aussagewert nach Auffassung der Fachleute des Kreisgesundheitsamtes nur sehr begrenzt. Die Grenzregion zu den Niederlanden sei sehr wohl stark betroffen, belegen sie anhand der ihnen vorliegenden Daten.

Zu Irritationen hatte auch die erstmalige Veröffentlichung dieser Zahlen geführt: Kurzzeitig habe da der Eindruck bestanden, dass im Kreis Borken gut die Hälfte aller landesweiten Mutantenfälle aufgetreten seien. Dann habe sich aber herausgestellt, dass das Land NRW in seiner Statistik nur Fälle führe, in denen Mutanten im Wege der außerordentlich zeitaufwendigen „Gesamtgenomsequenzierung“ nachgewiesen wurden.

Das vom Labor in Schüttorf praktizierte Vorgehen der „Typisierung“ liefere hingegen keine hundertprozentige Gewissheit, sondern nur eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ für das Vorliegen einer Mutation, habe es geheißen.

Die Auffassung des Kreises Borken dazu:
Aufgrund der zu erwartenden Dauer ist eine Vollsequenzierung für das Infektionsmanagement in den Gesundheitsämtern völlig untauglich. Die schnelle Feststellung einer Mutation sei wichtig, um die konsequente Testung von Kontaktpersonen sowie ein strikteres Quarantänemanagement (kein Freitesten nach 10 Tagen und konsequenter PCR-Test zum Abschluss der zweiwöchigen Quarantänezeit) zu ermöglichen.

Notbetreuung in Schule und Kita

Obwohl die Inanspruchnahme der Notbetreuung in Schule und Kita in der ersten Februarhälfte bei rund 40 Prozent lag, seien dort bislang weiterhin keine nennenswerten Infektionsketten oder gar „Cluster“ bekannt geworden.

Man verfolge diese Entwicklung aber sehr aufmerksam. Zusätzlichen Erkenntnisgewinn auf diesem Feld erwartet das Kreisgesundheitsamt dabei auch von einer aktuell laufenden Studie des Robert-Koch-Instituts zum Infektionsgeschehen in Kitas.

„Von den daran bundesweit beteiligten 20 Einrichtungen sind 2 aus unserem Kreis“, betont Dr. Hörster. Dabei handele es sich um jeweils 1 in Gronau und in Velen-Ramsdorf.

Einrichtungen der Altenpflege und Behindertenhilfe

Das Risko größerer Infektionsgeschen in Einrichtungen der Altenpflege und Behindertenhilfe, aber auch im Bereich der Krankenhäuser gebe es aktuell weiterhin, wenngleich es in der ersten Februarhälfte im Kreisgebiet dort nur wenige Fälle gegeben habe, so der Kreisdirektor weiter. Wenn in Kürze in allen Alten- und Pflegeheimen im Kreisgebiet die zweite Corona-Schutzimpfung abgeschlossen sei, würde sich die Gefahr von dynamischen Ausbruchsgeschehen, vor allem auch die damit verbundenen oftmals schweren Krankheitsverläufe dort wohl deutlich minimieren.

Ausweichende Antworten

„Leider lässt sich eine große Anzahl von Infektionsketten nicht sicher nachverfolgen“, bedauert Dr. Hörster. Ob und wieweit das gelingt, hänge schließlich maßgeblich auch vom Antwortverhalten der von den Kontaktermittlern des Kreisgesundheitsamtes befragten infizierten Personen und deren Kontaktumfeld ab. Gehe es um die Frage nach möglichen Infektionsquellen, seien in vielen Fällen die Antworten ausweichend, gerade in Bezug auf das Freizeitverhalten und die Kontakte am Arbeitsplatz.

„Insoweit ist die Analyse der Infektionsketten leider mit erheblichen Unsicherheiten behaftet“, konstatiert der Kreisdirektor. In etlichen Fällen habe sich erst im Nachhinein aufgrund weiterer bekanntgewordener Infektionen im Kollegen-, Freundes- oder Nachbarschaftskreis die Infektionskette nachvollziehen lassen. Für die Ermittler bedeute dies immer einen großen Rechercheaufwand, um die engen in oft recht kleinen und dann auch noch wechselnden Gruppen zu ermitteln.

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