Wie die Industrialisierung die Dörfer verwandelte

Studierende der Uni Münster forschen im Westmünsterland

Kreis Borken (pd). Das Westmünsterland hat sich im 19. Jahrhundert tiefgreifend verändert. Die Industrie wuchs, die Landwirtschaft wurde immer intensiver und die preußischen Verwaltungsstrukturen veränderten das alte Herrschaftsgefüge. Mit den verschiedenen Facetten dieses Wandels setzen sich zurzeit Studierende der Uni Münster auseinander. „Dörfer im Münsterland: Agrarwirtschaft, ländliche Industrialisierung und Kommunalpolitik im 19. Jahrhundert“ lautet der Titel des Seminars im Fach Geschichte. Bei einer Exkursion ins Westmünsterland machten sich die Studierenden jetzt ein Bild von der Entwicklung einzelner Orte.

Unter der Leitung von Professor Dr. Werner Freitag besuchte die Gruppe Gescher, Südlohn, Oeding und Vreden. In den Blick nahm sie dort Gebäude, die Zeugen des Wandels sind. Dazu zählen unter anderem die Weberei Huesker in Gescher sowie Bahnhof, Molkerei und Vereinshaus in Südlohn. In Oeding besuchten die Studierenden das Anfang des 20. Jahrhundert erbaute Ensemble von Pastorat, neuromanischer Kirche und Schwesternhaus. „Die gestiegenen Erlöse aus intensivierter Landwirtschaft und Industrialisierung haben die Voraussetzung für diese Bauprojekte geschaffen“, erklärt Dr. Volker Tschuschke vom Landeskundlichen Institut Westmünsterland.

Er informierte die Besucher in Vreden über Arbeits- und Forschungsmöglichkeiten im Westmünsterland. Studierende, Wissenschaftler und andere Forscher haben zum Beispiel die Möglichkeit, die landeskundliche Bibliothek des Instituts zu nutzen. Die Einrichtung in Trägerschaft des Kreises begleitet bei Bedarf auch Forschungsvorhaben, zum Beispiel studentische Abschlussarbeiten. Ein zusätzlicher Anreiz für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Westmünsterlandes ist der alle drei Jahre ausgelobte und mit 2.500 Euro dotierte Jodocus-Hermann-Nünning-Preis.

Steffi Beuting vom Stadtarchiv Vreden eröffnete schließlich anhand alter Dokumente einen Blick in die Geschichte der Stadt Vreden. Sie zeigte unter anderem Baupläne der zuvor besichtigten Arbeiterhäuser an der Berkelstraße und Postkarten, die mit Bildern von Bahnhöfen und Fabriken das fortschrittsfreundliche Selbstverständnis der Orte transportieren sollten.

Die Studierenden untersuchen im Rahmen des Seminars unter anderem die Auswirkungen des Wandels auf das wirtschaftliche und soziale Gefüge der Orte. Sie fragen, wie kreative Köpfe die neuen politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für sich nutzten, wie sich die neue Arbeiterschaft in die traditionelle dörfliche Gesellschaft einfügte und wie die Fabrikanten ihre wirtschaftliche Bedeutung in politischen Einfluss umsetzten.

Studierende, die sich jetzt intensiver mit dem Westmünsterland auseinandersetzen, wollen ihre Ergebnisse im Laufe des nächsten Jahres im Rahmen einer Vortragsreihe vorstellen. Geplant ist zudem die Veröffentlichung in der Schriftenreihe des Landeskundlichen Instituts. Einige Themen der Arbeiten stehen bereits fest. So werden sich zwei Studierende mit der dörflichen Textilindustrie in Velen beschäftigen, zwei andere Arbeiten untersuchen die Entwicklung von Landwirtschaft und Dorfstruktur am Beispiel von Raesfeld und Epe. Unter die Lupe genommen werden zudem Kirchenbauten um 1900 in Oeding, Wadersloh und Welbergen. Außerdem sind Arbeiten zu historischen Fragestellungen aus Ascheberg und Senden geplant. Weitere Studierende werden den Blick auf das gesamte Münsterland richten und sich unter anderem mit Landjudentum und Denkmalkultur auseinandersetzen.

Zum Thema: Das Westmünsterland im 19. Jahrhundert

Im Laufe mehrerer Jahrhunderte hatte sich im Münsterland eine Herrschafts-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entwickelt, die bis in die Napoleonische Zeit Bestand hatte. Vor allem das Fürstbistum Münster gab politisch den Ton an. Das 19. Jahrhundert brachte dann einschneidende Veränderungen: den Übergang an Preußen 1815 und die damit einhergehende Einführung neuer Verwaltungsstrukturen, die Bauernbefreiung und die Markenteilung sowie schließlich die Industrialisierung.

Foto: Dr. Volker Tschuschke (5.v.l.) begrüßte die Studierenden der Uni Münster und Professor Dr. Werner Freitag (6.v.l.) in Vreden