Eigentlich stand an diesem Wochenende das Junggesellenschützenfest in Raesfeld an. Eigentlich, jedoch in Zeiten der Corona-Pandemie laufen die Uhren anders.
Präsident Leonard Suer erinnert in seiner tiefgründigen und zeitlosen Ansprache am Ehrenmal von 2019 an eine Zeit, als am 01.September 1939 die deutsche Wehrmacht die polnische Stadt Wielun überfiel und damit den Beginn des zweiten Weltkriegs einleitete.
Eigentlich! Jedoch, wie auch bei den anderen Schützenfesten, nicht nur in Raesfeld, Erle und Homer, müssen die Junggesellen auf ihr Fest coronabedingt verzichten.

Dazu gehört auch morgen das Vogelschießen. Dennoch möchten wir in einem Rückblick an das vergangene Jahr erinnern.

Schützenfest Samstag 2019. Der Gang zum Friedhof mit der Kranzniederlegung:
Ansprache von Präsident Leonard Suer

Verehrte Gäste, liebe Junggesellen, verehrte Raesfelder Gemeinde,
Wir haben uns hier am Ehrenmal versammelt, um der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken. Man bezeichnet diese Stätten als Orte der Trauer, des Nachdenkens und der Mahnung, damit keiner aufhört zu fragen, wie es zu diesem Leid kommen konnte.
Vor wenigen Tage jährte sich einer der schrecklichsten Ereignisse der
deutschen Geschichte zum 80. Mal.
Am 01.September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht die polnische Stadt Wielun und leitete somit den Beginn des zweiten Weltkriegs ein. Es folgten sechs schreckliche Jahre Krieg, Leid, Tod und Völkermord mit geschätzten 80 Millionen Toten.
Frank Walter Steinmeier in Polen
Am 01. September 2019 war unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in Polen zu Gast und entschuldigte sich mit den Worten, Zitat: „Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wielun. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung.“
Mit der Bitte um Vergebung, stieß der Bundespräsident auf Kritik aus Deutschland. Mit welcher Begründung müsse sich ein Mann entschuldigen, für ein Verbrechen welches soweit zurück liegt, dass weder er noch einer von uns für diese Verbrechen verantwortlich sein kann?!
Wir blicken heute offenbar lieber nach vorn als zurück. Wir interessieren uns ehr für uns und unser Umfeld als für das, was in anderen Teilen der Welt geschieht.
Unser schnell getaktetes Leben ist geleitet von Zielen, Ehrgeiz und unseren persönlichen Erfolg. Wir blicken nicht darauf, dass uns damit ein Privileg zu Teil wird. Vergangen sind die Zeiten, in denen Ziellosigkeit, Kraftlosigkeit und Heimatlosigkeit das Leben hier in Deutschland prägten. Und nicht nur in den Großstädten Deutschlands, auch in Raesfeld war der Krieg, das Leid und die Nationalsozialistischen Verbrechen allgegenwärtig.
Bei der Wahl in Raesfeld 1933 lag die NSDAP mit 20 % der Stimmen aus Raesfeld noch deutlich unter dem Reichsergebnis von 43 %, doch hatte Ihre Anhängerschaft in Raesfeld, Erle, Homer auch hier klar zugenommen im Vergleich der Vorjahre.
Im ersten Kriegsjahr 1939 wurden 102 Personen aus Raesfeld, Erle-Homer in den Kriegsdienst eingezogen.
Als im Sommer 1940 die ersten englischen Bomben auf Raesfeld fielen,
war dieses hauptsächlich der Nähe zum Ruhrgebiet verschuldet.
Bauernhof Terhart-Loker
Fast jede Nacht herrschte in Raesfeld Fliegeralarm und ein alltägliches
Leben wie es die Raesfelder kannten war kaum möglich.
In der Nacht vom 04. August 1940 wurde durch eine Brandbombe der
Bauernhof Terhart-Loker getroffen. Als die Nachbarn herbei eilten um zu helfen und den Brand zu löschen, flogen in der Nähe weitere Bomben.
Der Nachbar Johann Mümken-Kretier wurde beim Versuch zu helfen tödlich getroffen. Raesfeld wurde zur Garnisonsstadt und die ständig wechselnden Truppen für den Westfeldzug in Frankreich wurden begeistert empfangen und ausreichend verköstigt. Durch den ständigen Präsenz und Bewegung der hunderten Soldaten in Raesfeld-Erle, Homer bekam das Dorf ein völlig neues Gesicht.
Zwangsarbeiter prägten das Bild Raesfelds
Aber nicht nur die Soldaten, auch die polnischen Zwangsarbeiter prägten das Bild Raesfelds. Da viele Männer an der Front kämpften, fehlten Hilfskräfte für die Arbeit auf dem Land. Nicht alle polnischen Gastarbeiter wurden hier herzlich empfangen und viele mussten unter unmenschlichen Bedingungen ihre Arbeit verrichten. Am 13. Oktober 1940 beschimpfte ein Raesfelder Mädchen ohne jeden Grund einen Kriegsgefangen auf offener Straße mit den Worten, Zitat: „Schweine gehören nicht in die Kirche“.
Diese öffentliche Anfeindung nahm der damalige Raesfelder Kaplan Herr Wilhelm Meyer in seine heilige Messe auf. Er predigte von dem
christlichen Gebot der Feindesliebe und verwies darauf, dass der
nationalsozialistische Gedanke nicht mit dem eines Christen-Menschen zu vereinbaren ist.
Rückkehr unerwünscht
Für diese öffentliche Widersprechung der Nationalsozialisten wurde er darauf verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Auf seiner Überweisungsmappe waren die Worte „Rückkehr unerwünscht“ gedruckt, welches dem Todesurteil im KZ gleichkam.
Doch als am 29. März 1945 amerikanische Truppen das KZ Dachau
befreiten, war Herr Meyer noch am Leben und beschrieb seinen späteren Zustand mit den Worten: „Wir hatten zu viel um zum Sterben, aber zu wenig um zu leben“ Später ging er nach Buer-Scholven und arbeitete noch lange als Kaplan bis er im Jahre 1999 verstarb.
Verehrte Gäste, liebe Junggesellen, hinter mir sehen Sie 10 Steintafeln auf der insgesamt 297 Namen stehen von gefallen Soldaten oder getöteten Zivilisten aus Raesfeld.
Teil dieser schweren Zeiten in Deutschland
Ich bin mir sicher, dass die meisten von Ihnen hier einen Vorfahren oder einen direkten Verwandten wiederfinden werden.
Man muss also gar nicht weit schauen oder tief in die Vergangenheit
blicken um zu erkennen, dass ein jeder von uns hier seine Wurzeln hat und unsere Familien alle ein Teil dieser schweren Zeiten in Deutschland waren.
Mehr denn je stehen wir damit in der Verantwortung, Berührungsängste mit Fremden abzubauen und einzustehen für ein gemeinsames Miteinander.
Toleranz fängt in der kleinsten Gemeinschaft an
Jeder einzelne von uns kann etwas tun und bewegen für ein friedliches Umfeld, auch in unserer kleinen Gemeinde Raesfeld.
Denn Toleranz fängt in der kleinsten Gemeinschaft an.
„Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wielun. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung.“
Für alle Opfer des Krieges in Raesfeld, für unseren verstorbenen Kaplan Herr Wilhelm Meyer und für alle, die sich dieser Schuld Verbunden fühlen und gemeinsam einstehen für ein gemeinsames Miteinander in einer friedlichen Welt, wird der Junggesellen Schützenverein einen Kranz niederlegen.
Er soll ein Zeichen der Erinnerung und des Friedens sein.



























