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Interview mit Michael Weddeling: „Ohne Kneipe wird aus dem Dorf schnell ein Schlafdorf“

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Michael Weddeling, Vorstand der Volksbank Raesfeld und Erle, erinnert sich an die ersten Gespräche mit Arno Brömmel über die Zukunft der Dorfkneipe. Im Interview erklärt er, warum eine Sanierung des alten Gebäudes keine realistische Option war, weshalb die Bürgergenossenschaft zur entscheidenden Finanzierungsbasis wurde und wieso das HUB nur als Gesamtkonzept aus Gastronomie, Dorfplatz und Tourismus funktionieren kann.

Oliver Borgwardt / Heimatmedien:
Heute ist der 23. Januar 2026. Ich bin hier in der Volksbank Raesfeld und Erle und begrüße mir gegenüber sitzend den Vorstand der Volksbank Raesfeld und Erle, Michael Weddeling. Hallo Michael.

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Michael Weddeling:
Hallo.

Borgwardt:
Wir sprechen heute über das HUB Erle. Da hast du ja quasi von Anfang an eine persönliche Perspektive drin. Arno Brömmel hat mir erzählt, er hätte mit dir mal ein paar Gedanken geteilt und dann wäre die Sache ins Rollen gekommen. Kannst du dich daran erinnern, wie das war?

Weddeling:
Ja, durchaus. Das war so 2018. Da kam Arno zu uns und sagte: Mensch, ich möchte irgendwann in Ruhestand gehen und ich habe keinen Nachfolger. Und wie kann denn so eine Situation ohne eine Kneipe im Dorf überhaupt aussehen?

Da haben mein Vorstandskollege Herr Steiger und ich gesagt: Mensch, da müssen wir eine Lösung finden, wie das Ganze aussehen kann. Dann haben wir uns die ersten Gedanken gemacht, ob so ein Bestandsgebäude überhaupt eine Chance hat, weiter als Gaststätte zu fungieren. Das hat sich dann irgendwann so herausgestellt, dass das nicht funktioniert.

Und dann gingen die Überlegungen weiter, ein neues Gebäude zu errichten. Das hat sich dann mit dem Platz von Johannes Böckenhoff irgendwann angeboten. Daraufhin sind dann so die anderen Dinge zusammengekommen, inklusive der Gründung der Bürgergenossenschaft, die wir dann zusammen mit dem Genossenschaftsverband angegangen sind.

Borgwardt:
Du hast einen schönen Überblick gegeben. Gehen wir mal ein bisschen ins Detail. Die erste Überlegung war: Könnte man das alte Gebäude retten? Wie seid ihr da vorgegangen?

Weddeling:
Arno hatte dann einen Architekten aus dem Ort dazu geholt, der sich die Sachen angeguckt und bewertet hat. Der hat aus seiner Sicht als Architekt definitiv gesagt, was da an Optionen möglich wäre, und was man reinstecken müsste, wenn so ein Gebäude modernisiert und renoviert werden würde, nach heutigen Ansprüchen.

Und da hat sich schnell herausgestellt, dass das ins Unermessliche gegangen wäre, also ein Betrag, bei dem ein Neubau deutlich billiger gewesen wäre als die Renovierung des Bestandsgebäudes. Es wäre dann zwar ein altes Gebäude gewesen, das renoviert worden wäre, und so haben wir jetzt ein neues Gebäude, wo wir erstmal für die nächsten Jahre durchaus sehr viel Luft haben, dass wir da nichts machen müssen.

Also war schnell klar: Es muss ein neues Gebäude geschaffen werden. Und der Platz hatte sich dann auch angeboten. Das war auch so ein Zufall, dass Johannes Böckenhoff gesagt hätte: Ich möchte auch mit dem Platz irgendwas machen. Die Räumlichkeiten, die da waren, die beiden Scheunen, waren nicht mehr so stark in Nutzung wie vorher. Es war vorher auch ein Stall mit dabei, der nicht mehr genutzt worden ist.

Da wollte er eigentlich auch was machen, durchaus Wohnbereich, und dann haben wir gesagt: Mensch, können wir da nicht überlegen, an einer Stelle auch so ein Gebäude als Bürgerhaus, wie auch immer, zu bauen und zu machen? Da wurde er schnell Feuer und Flamme und fand die Idee sehr gut, mit dem Dorfplatz dabei, mit einem Gebäude, das alle nutzen können.

Wie das dann richtig aussah, stand am Anfang noch gar nicht fest. Das hat sich erst nach und nach entwickelt.

Borgwardt:
Jetzt bist du in der Sache ja nicht nur leidenschaftlich verbunden, sondern als Finanzexperte natürlich auch jemand, der aufs Geld schaut. Es geht um die Finanzierung. Wie war die Ausgangssituation?

Weddeling:
Die Ausgangssituation war, dass wir da einen Batzen Geld stehen hatten, 2,5 Millionen für das Gebäude, das wir irgendwoher holen mussten. Und natürlich ist klar: Umso mehr ich aus Eigenkapital hole, umso besser ist es für die Genossenschaft oder fürs Gebäude.

Und da war die Überlegung: Wie machen wir das Ganze, wie können wir das hinkriegen? Daraufhin haben wir diese Bürgergenossenschaft eG gegründet, um alle wirklich an diesem Projekt zu beteiligen. Alle gleich, egal wie viel die geben und wie viele letztendlich sich an dem Gebäude beteiligen wollen, auch mit kleinen Beträgen, mit großen Beträgen.

Und dann haben wir über Jahre das entwickelt, dass wir wirklich dann diese stolzen zwei Millionen am Ende des Tages zusammen bekommen haben.

Borgwardt:
Das war dann 2019, glaube ich. Dann kam aber ein Ereignis, das euch ziemlich aus der Bahn geschmissen hat.

Weddeling:
Ja, 2019 waren wir lange nicht so weit. Diesen Betrag hätten wir gerne gehabt. Wir waren aber zwischenzeitlich über die Zinsen auch so weit, dass wir sagen: Wir können uns finanzieren. Dann kamen steigende Zinsen, dann kam Corona, und das hat natürlich immer richtig zurückgeworfen.

Dann hat sich das Projekt zwischenzeitlich sehr schleppend weiterentwickelt, bis dann wirklich nochmal richtig Drive reinkam vor knapp anderthalb, zwei Jahren. Da haben wir wirklich nochmal die Werbetrommel gerührt, gemacht, getan: Wir wollen dieses Projekt alle. Dann hat es auch wirklich funktioniert, und auch so, dass es tragbar ist, finanziell tragbar ist, und am Ende des Tages für alle eine Bereicherung im Ort ist.

Und das war ja auch der Gedankengang: Dorfentwicklung zu betreiben. Wir wissen alle: Ein Dorf ohne Kneipe ist fast ein totes Dorf. Sonst haben wir irgendwann nur noch ein Schlafdorf, wo die Leute nur noch wohnen und nichts passiert.

Und mit dem, was in der Kneipe bei Arno stattgefunden hat, war es uns superwichtig, dass dieses Dorfleben bestehen bleibt. Das macht das Dorf am Ende attraktiver, die Leute fühlen sich wohler, es gibt mehr Gemeinschaft, die Leute bleiben im Dorf, ziehen nicht weg. Das sind alles Folgen.

Und das ist auch für uns als Bank ein wichtiges Kriterium. Ein Schlafdorf hilft uns auch nicht weiter, sondern wir brauchen ein Dorf, das weiterentwickelt ist, das wächst und am Ende wirtschaftlich gut dasteht.

Borgwardt:
Nochmal zum wirtschaftlichen Faktor. Christian Lipfert hat erzählt: Wenn man einfach nur Wirt ist und so ein Projekt als Einzelperson starten will, hat man bei der Bank kaum Chancen. Gastronomie ist ein sehr schwieriges Feld, erst recht, wenn man noch ein Gebäude finanzieren müsste. Was sind denn die Haupthindernisse?

Weddeling:
Die Haupthindernisse sind natürlich, dass die Gastronomie ein sehr schwieriges Umfeld ist. Viele Pleiten, Konzepte passen nicht. In der Gastronomie gibt es einen ganz vielfältigen Rahmen, und das macht bei Existenzgründungen deutliche Abstufungen, auch bei Förderbanken, die sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas nicht funktioniert, ist sehr hoch, weil die Gastronomie ein schwieriges Feld ist.

Und das hat wahrscheinlich auch dazu geführt, dass das Konzept vom HUB nicht nur Gastronomie beinhaltet, sondern weiter darüber hinausgeht.

Borgwardt:
Das war auch das Ziel, dass alles verknüpft wird?

Weddeling:
Genau. Das war auch in den Gesprächen mit der Gemeinde immer wieder ein großes Thema: Das Dorf attraktiver zu machen mit den Sachen, die da sind. Ob es die Femeiche ist, ob es das Schloss ist, ob es die Brennerei ist. Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Leute mit ihren Bussen zur Brennerei kommen, eine Besichtigung machen, anschließend im HUB essen gehen, Seminare machen. Das war ein Gesamtkonzept.

Der Radweg, der jetzt wieder in der Diskussion ist, von Dorsten nach Erle, ist auch ein wichtiger Kontakt Richtung Ruhrgebiet. Und Leute aus den umliegenden Orten mit ins Dorf reinzuziehen. Das ist dieses Gesamtkonzept. Und das sind Rahmenbedingungen, die sehr, sehr gut sind. Da kann man ein breites Umfeld mit einbeziehen und viele gute Dinge miteinander verknüpfen.

Borgwardt:
Das heißt, die Zukunftsfähigkeit des HUB Erle siehst du als durchaus gegeben.

Weddeling:
Ja, auf jeden Fall. Ein zukunftssicheres Konzept ist die Grundlage dafür, die Voraussetzungen sind sehr gut. Und jetzt liegt es an allen, das Projekt so anzunehmen, umzusetzen und am Ende das zu nutzen, was wir da geschaffen haben.

Borgwardt:
Ihr seid ja ein bisschen abgesichert durch die Bürgergenossenschaft. Das ist ein Konzept, das eher ungewöhnlich ist. Kannst du noch zwei, drei Worte sagen, warum die Bürgergenossenschaft zur Lösung beigetragen hat?

Weddeling:
Die Konstellation war, dass alle am Ende irgendwie mit im Boot sind. Und wir haben über die eingetragene Genossenschaft eine riesige Chance, alle gleichberechtigt zu integrieren.

Jeder kann sich mit einem Beitrag von 300 Euro beteiligen, aber auch mit 600, 900, 1.000 Euro, und seinen Beitrag leisten. Das stellt das Ganze auf viele breite Schultern und holt alle mit ins Boot.

Und am Ende hat das eine Verbindlichkeit: Jeder sagt, ich bin irgendwie mit dran beteiligt. Der Stein gehört auch mir an diesem Gebäude. Diese Konstellation bietet Riesenvorteile, weil ich alle einbinden kann, ob klein oder groß, finanziell stark oder nicht so stark.

Und ich glaube auch: Wenn man einzelne Kapitalgeber gehabt hätte, wäre das schwierig geworden. Das Feld der Gastronomie ist nicht einfach. Leute zu finden, die das finanziell unterstützen oder Darlehen geben oder Eigenkapital reinbringen, wäre ohne Genossenschaft nicht machbar gewesen.

Und wir haben ein riesentolles Projekt. In dieser Größenordnung ist das einmalig. Das hat der Genossenschaftsverband mehrfach kundgegeben, dass es so ein Projekt in dieser Größenordnung noch nicht gegeben hat. Es gibt kleine Tante-Emma-Läden, kleinere Kneipen-Konstellationen, aber so ein Projekt und so ein Betrag, den wir über Geschäftsanteile gesammelt haben, das hat es so noch nicht gegeben.

Borgwardt:
Das Projekt soll ja auch viele Leute aus der Umgebung anziehen. Wie kann das gelingen, Leute aus dem Ruhrgebiet, dem weiteren Münsterland, vom Niederrhein nach Erle zu locken?

Weddeling:
Das geht nur über die Verknüpfungen, die wir haben. Die Gemeinde Raesfeld ist über die Grenzen hinaus bekannt. Ob die Klassiker sind, der Silvestermarkt oder Kappesmarkt, ob es das Schloss ist, Open-Air, Femeiche, Brennerei. Diese Komponenten muss man werbetechnisch vernünftig aufbereiten, ein gutes Konzept dahinter hängen, den Leuten Lösungen anbieten.

Wenn die nach Raesfeld kommen, kann man sagen: Pass auf, du kannst dir das Schloss angucken, anschließend Kaffee trinken gehen. Oder andersrum: Am Wochenende ist Kappesmarkt in Raesfeld. Du hast gute Möglichkeiten und Themenfelder, über die man das abdecken kann.

Das ist unsere Stärke im Münsterland, dass wir dieses Thema voranbringen und den Leuten erklären: Es lohnt sich, in die Gemeinde Raesfeld zu kommen, mit dem ganzen Drumherum, was wir anbieten können. Da greift jedes Rädchen ins andere. Nur gemeinsam können wir das schaffen.

Borgwardt:
Und am 7. Februar ist es dann soweit. Bei der Eröffnung des HUB: Worauf freust du dich am meisten?

Weddeling:
Ich freu mich jetzt schon tierisch, dass ich dieses Gebäude leibhaftig sehe, dass es da steht, dass es da ist. Nach den mehr oder weniger fast acht Jahren, wo wir darauf hingearbeitet haben.

Tolles Gefühl. Ich war ja auch beim ersten Testessen da. Toll, da zu sitzen und zu sagen: Hey, das Gebäude steht. Wir haben es geschafft. Wir haben so ein Riesenprojekt gestemmt, mit der Unternehmensform, mit dem ganzen Drumherum, mit der Gründung der Genossenschaft, was ein Riesenaufwand war.

Und am Ende können wir alle sagen: Da steht es jetzt. Und wir sagen immer so schön: Der Ball liegt jetzt auf dem Elfmeterpunkt. Wir haben alles geschafft, das Projekt hochzuziehen, und jetzt liegt es an allen, das zu leben und zu nutzen.

Borgwardt:
Dann hoffe ich, dass alle das in großem Maße tun werden. Ich bedanke mich ganz herzlich, dass du dir Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen.

Weddeling:
Gerne.

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