StartGemeinde RaesfeldErleInterview mit Andreas Grotendorst: „Ein Dorf braucht Orte, an denen Leben entsteht“

Interview mit Andreas Grotendorst: „Ein Dorf braucht Orte, an denen Leben entsteht“

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Der ehemalige Bürgermeister von Raesfeld und gebürtige Erler Andreas Grotendorst zählt zu den zentralen Impulsgebern des HUB. Im Interview spricht er über die ersten Gespräche an Theke und Schützenfest, über die Rolle der Bürgergenossenschaft und darüber, warum Treffpunkte entscheidend für die Zukunft eines Dorfes sind.

Oliver Borgwardt / Heimatmedien:
Heute ist der 21. Januar 2026. Ich bin Oliver Borgwardt, Redaktionsleiter der Heimatmedien, und heute habe ich am Telefon Andreas Grotendorst, den ehemaligen Bürgermeister von Raesfeld, gebürtiger Erler, der auch eine wichtige Rolle im Entstehen des HUB Erle gespielt hat. Herr Grotendorst, schön, dass Sie Zeit gefunden haben, mit uns zu sprechen.

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Andreas Grotendorst:
Ja, guten Morgen.

Borgwardt:
Wie kam es dazu, dass das Projekt HUB Erle überhaupt ins Rollen gekommen ist?

Grotendorst:
Zunächst mal war es ja nicht das Projekt „HUB Erle“, sondern das war einfach die Idee, einen Ort zukunftsfähiger zu machen. Das war die Absicht.

Das war bei Brömmel-Wilms zu der Zeit 2015, 2016, wo die ersten Gedanken aufkamen: kein Nachfolger in Sicht. Da gab es dann diverse Gespräche an der Theke, an unterschiedlichen Schützenfesten in Raesfeld, in Erle und sonstwo. Wo man auch den Trend erkannt hat, dass man Gastronomie vielleicht nochmal etwas anders aufziehen muss.

Dann kam einmal die Idee: Ja, so eine Brauerei, wir brauchen ja auch nochmal was für Erle. Dann war aber sofort klar: Wir brauchen keine Brauerei, wir haben ja direkt eine Brennerei im Ort. Kann man da nicht was draus machen? Das war der Gedanke.

Und das haben wir dann in der Corona-Zeit ganz bitter erfahren müssen: Wenn es keine Orte gibt, wo Menschen zusammenkommen können, dann stirbt so ein Ort sehr schnell. Man braucht so einen Treffpunkt, wo Vereinsleben stattfinden kann, wo sich Gruppen treffen können, aber wo man auch mal alleine abends hingehen kann und sicher sein kann: Da treffe ich jemanden. Wo ich eine Örtlichkeit habe, wo ich Hochzeit feiern kann, wo ich nach der Beerdigung hingehen kann, wo ich einen Geburtstag feiern kann.

Dass jemand das in die Hand nimmt und diese Mittelpunkt-Geschichte einfach möglich macht, und wo dann andere auch mitkriegen: „Ey, da ist was los.“ Das sind Themen, über die man in so einem Dorf spricht.

Borgwardt:
Sie sind ja selber mit dem Landleben verwurzelt, von Kindesbeinen an. Sie sind in Erle, wenn ich das richtig gelesen habe, als Bauernkind groß geworden und von vornherein in der Dorfgemeinschaft verwurzelt gewesen. Wie war das denn für Sie, dieses Gefühl, dass Brömmel-Wilms ein Ende droht?

Grotendorst:
Das kriegt man insbesondere dann mit, wenn man im Rathaus arbeitet und sich im Grunde den ganzen Tag mit Dorfentwicklung befasst: Wie funktioniert ein Ort gut?

Ich habe mal ein Zitat von einem dänischen Architekten gelesen, der sagt: „Da, wo Menschen sind, kommen Menschen hin.“ Und wenn man diesen Gedanken verinnerlicht, dann sind zentrale Begegnungspunkte im Ort einfach wichtig für die Zukunft eines solchen Ortes.

In so einem Ort passiert ja auch was: Menschen ziehen weg, neue kommen hin. Und um gutes Leben zu haben, braucht man gute Beziehungen zu anderen Menschen. Es muss Aufgabe von Gesellschaft, Politik und Verwaltung sein, entsprechende Orte zu schaffen und den Menschen damit die Möglichkeit zu geben, sich zu treffen und miteinander in Beziehung zu kommen.

Das ist das, was man als Kind erlebt hat. Wir waren selbst eine große Familie, man hatte in der Nachbarschaft immer Kontakt zu anderen Menschen. Und wenn dann so ein zentrales Element droht wegzufallen, macht das Sorge.

Deswegen bin ich froh, dass wir über 2.000 Mitglieder in unserer Genossenschaft haben, die das genauso gesehen haben und gesagt haben: Da gehen wir dran, dann machen wir was.

Borgwardt:
Gab es Hürden, die sich dem in den Weg gestellt haben? Es musste ja erstmal ein Platz gefunden werden.

Grotendorst:
Ja. Die Idee schlummerte ja immer so ein bisschen herum. Und irgendwann kam dann die Zusammenarbeit mit Johannes Böckenhoff zustande. Und das muss man wirklich sagen: Das ist für so einen Ort wie Erle ein absoluter Glücksfall. Jemanden zu finden, der sagt: Ich habe da eine größere Fläche in bester Lage im Ort und ich kann die dafür nutzen.

Da gilt mein Dank nochmal ganz besonders Johannes Böckenhoff. Das war ein ganz, ganz wichtiger Schlüssel, um dieses Projekt überhaupt umsetzen zu können.

Borgwardt:
Sie hatten im Vorgespräch erzählt, dass Sie und viele andere sich auch Gastronomien in anderen Orten angeschaut haben. Was ist Ihnen dabei aufgefallen? Was ist wichtig für eine zukunftsfähige Gastronomie?

Grotendorst:
Wir haben uns andere Genossenschaften angeguckt. Ich bin sogar mal in den Westerwald gefahren und habe mir eine Vereinsgaststätte angeschaut, wo das nicht über eine Genossenschaft gemacht worden ist, sondern über einen Verein.

Wir haben uns auch die Kombination von Gastronomie und Brennerei angeschaut, sind da nochmal in den Westerwald gefahren, haben uns eine Brennerei angeguckt, die sehr viel auf Tourismus gesetzt hat.

Und ich habe mir zum Beispiel auch Bauerncafés angeschaut. Wenn man dann so fünf Minuten von der A43 ist und man sieht Dienstagmorgen um 11:30 Uhr 90 Gäste frühstücken, dann fragt man sich: Wie kriegen die das hin? Bei uns ist die A31 ja auch nur fünf Minuten von Erle entfernt. Kann man so ein Konzept nicht übernehmen? In ein bisschen anderer Form dann auch für Erle möglich machen? Das war der Ansatz für diese Dorfgastronomie.

Borgwardt:
Was glauben Sie: Was ist der Schlüssel, dass so etwas gelingen kann?

Grotendorst:
Der Schlüssel für uns ist die strategisch gute Lage. Wir liegen auf der Grenze zwischen Rheinland, Ruhrgebiet und Münsterland. Wenn man mal eine Autostunde um Erle zieht, haben wir ein riesiges Potenzial, das wir heben können.

Und wir haben mit dem neuen Film, dem eigenen Gelände, dem Heimatverein, dem Fehmeichenpark, der Kornbrennerei Böckenhoff, dem Heimatmuseum und so weiter schon vieles. Wenn man das Angebot für Besichtigungen noch deutlicher ausbaut, vielleicht nochmal neue Produkte mit rein nimmt, dann haben wir eine sehr gute Chance, auch wirtschaftlich davon zu profitieren.

Wir liegen fünf Minuten von der A31, eine Minute von der Bundesstraße, und dann ist man am HUB. Das haben viele andere nicht. Das können wir nutzen. Und man kann dann auch was nebenbei machen. Wer einen halben Tag Erle alles gesehen hat, kann weiter nach Raesfeld fahren. Auch das ist die Idee: der touristische Gedanke, Leute, die länger bleiben wollen, dass die dann auch nach Raesfeld gehen.

Und was auch entstanden ist: Die Idee stand vor Tagen noch groß in der Zeitung, dass endlich der Radweg zwischen Erle und Dorsten kommt. Ich fahre nach Borken natürlich häufig und sehe, wie viel Verkehr auf der Strecke ist. Wenn man den Radweg hat, ist man in unter einer halben Stunde von Dorsten bis Raesfeld, realistisch, und kann so eine Gastronomie nutzen und als Ziel ansteuern. Dann fährt man gemütlich wieder durch die Landschaft zurück oder umgekehrt.

Von der Konzeption her ist das ein breites Betätigungsfeld. Man kann sagen: Die große Schwester Raesfeld wird vom HUB Erle profitieren. Das Konzept ist so angelegt, dass das eine dem anderen Nutzen bringt. Wenn Menschen mal irgendwo sind und feststellen: Da gibt es noch mehr, dann kommen die wieder. In der Schlossfreiheit haben wir ja nicht nur eine Gastronomie, sondern mehrere. Und wer weiß, was noch kommt.

Irgendwann stand auch mal in einem Dorfentwicklungskonzept eine fußläufige Verbindung zwischen Raesfeld und Erle. Es gibt ja auch gute Radverbindungen zwischen Raesfeld und Marienthal oder Erle und Marienthal, wo das Kloster ist. Da sind ganz viele Sachen denkbar, da kann man Potenziale heben.

Borgwardt:
Zum Abschluss: Der Podcast wird in der ganzen Region gehört, nicht nur in Raesfeld und Erle. Was wäre Ihr Wunsch oder Ihre Aufforderung an die Menschen, die zuhören, aber keine Raesfelder oder Erler sind?

Grotendorst:
Kommt nach Erle und guckt, was Gemeinschaft bewegen kann. Wir hatten ja zwischendurch den Slogan „Werde Dorfmacher“. Jedes Dorf ist nur so gut wie die Menschen, die dort leben. Und in Erle haben die Menschen gezeigt, wie gut sie sind, was sie können, wie tatkräftig sie sind.

Und was mich auch beeindruckt: Wenn vor drei Jahren jemand gesagt hätte, das Lokal heißt „HUB“ und wir bekommen in einer Generalversammlung mit über 400 Menschen ein einstimmiges Ergebnis für diesen Namen, dann zeigt das ja nicht nur, dass die Menschen bodenständig sind, sondern auch offen für Neues und zukunftsorientiert denken. Das lohnt sich anzuschauen.

Und natürlich auch zu probieren. Nicht nur mit den Augen: In der Gastronomie ist der Gaumen wichtig. Ich war beim Testessen schon da, und da darf man auf viele gute Ideen gespannt sein.

Borgwardt:
Sehr schön. Dann würde ich mich dem anschließen und auch allen Nicht-Erlern und Nicht-Raesfeldern empfehlen, am 7.2. beim HUB Erle mal vorbeizuschauen und danach zur großen Eröffnung. Herr Grotendorst, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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