Fachtagung des „Interkulturellen Netzwerks Westmünsterland“

Identitätsentwicklung jugendlicher Migrantinnen und Migranten stand im Mittelpunkt

Kreis Borken (pd). Wie bewältigen Kinder und Jugendliche das Heranwachsen in unterschiedlichen Kulturen? Mit dieser Thematik befassten sich jetzt im Rahmen einer Fachtagung im Borkener Kreishaus 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aus unterschiedlichsten Bereichen, wie Kindertageseinrichtungen, Schulen, Beratungsstellen und Jobcenter, kamen und zum Teil selbst Migrationshintergrund haben. Die Veranstaltung – ausgerichtet vom „Interkulturellen Netzwerk Westmünsterland“ – trug den ungewöhnlichen Titel „einheimisch-zweiheimisch“. Referent war Dr. Mohammad Heidari, Islam- und Medienwissenschaftler aus Köln, der eigene Konzepte zu Interkulturellen Trainings und Seminaren entwickelt hat.

In seiner Begrüßung betonte Landrat Dr. Kai Zwicker, dass dem Kreis Borken die Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund ein wichtiges Anliegen sei. „Nicht nur für Ballungszentren, sondern auch für unseren ländlichen Raum stellt diese Aufgabe eine Herausforderung dar“, erklärte er. Den Behörden und anderen beteiligten Institutionen gehe es dabei auch um ganz praktische Fragen, wie etwa: Welche Unterstützungsangebote sollten überhaupt gemacht werden? Wie ist die Schule auf diese Entwicklung vorbereitet?

Zu Beginn seines Vortrags nahm Dr. Heidari den Kulturbegriff in den Fokus. „Kultur darf nicht nur über Nationalität, Religion und Traditionen verstanden werden“, erläuterte der Referent. Ein weitaus bedeutsamerer Aspekt seien die Wertevorstellungen: „Sie führen häufig zu großer Übereinstimmung in vielen Lebensbereichen, und das unabhängig von der Herkunft“. Ein kleines Experiment bestätigte dies auf anschauliche Weise. Dazu sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die für sie wichtigsten Werte aufschreiben. Und siehe da: Bei nahezu allen hatten Begriffe, wie „Respekt“, „Familie“ und „Gemeinschaft“, einen hohen Stellenwert.

Viele interkulturelle Probleme kommen durch Missverständnisse auf“, unterstricht der Referent. Er zeigte sich daher sicher: „Die Hälfte aller Konfliktsituationen würde gar nicht erst entstehen, wenn die Beteiligten offen miteinander umgehen.“ Heidaris weitere Erkenntnis lautete: „Nicht die Entstehung eines Konfliktes ist das Problem, sondern der Umgang damit.“ Es sei von wesentlicher Bedeutung, bei Konflikten nicht auf die Herkunft der Beteiligten zu schauen und daraus beispielsweise ein „deutsch – türkisches“ Problem zu konstruieren. Schließlich gebe es ja bei Konflikten unter Deutschen auch kein „deutsch-deutsches Problem“.

Anhand vieler Geschehnisse aus dem Alltag verdeutlichte Dr. Heidari, wie vermeintlich interkulturelle Konflikte entstehen. Ein Beispiel: Die Polizei führt Geschwindigkeitskontrollen durch. Sie hält dabei ein Auto an, das zu schnell gefahren ist. In diesem Fahrzeug sitzen arabischstämmige Männer, die allerdings die Kontrolle auf ihre Herkunft beziehen und sich daher sehr aufregen. Weil die Polizei eine Eskalation befürchtet, fordert sie daraufhin Verstärkung an. Dr. Heidari dazu: „Auch die Männer im Auto müssen akzeptieren, dass für jeden Verkehrsteilnehmer in Deutschland zu schnelles Fahren mit Bußgeld belegt ist.“

Im zweiten Teil der Fachtagung richtete sich das Hauptaugenmerk auf mögliches „Handwerkszeug“ für die Praxis. „Was mache ich beispielsweise als Lehrerin, wenn Ali oder Mehmet offensichtlich keinerlei Respekt vor mir zeigt?“ lautete eine konkrete Fragestellung, die sich dann gleich erweiterte auf: „Entspricht es den Tatsachen, dass der Sexismus in bestimmten Kulturen ausgeprägter ist?“ Gerade Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus dem Bereich der Kindertageseinrichtungen und Schulen brachten zu dieser Thematik selbst erlebte Fallbeispiele. So bleibt eine türkische Mutter regelmäßig am Eingang zum Gruppenraum des Kindergartens stehen und betritt ihn erst nach mehrmaliger Aufforderung durch die Erzieherin. Dann kann sie ihren Sohn nicht dazu bringen, mit ihr nach Hause zu gehen. Sie bittet daher das Kita-Personal um Hilfe. Hier stellt sich die Frage: Ist die Mutter unsicher und nicht durchsetzungsfähig? Oder könnte die Zurückhaltung der Mutter ganz andere Hintergründe haben? Dr. Heidari: „Tatsächlich ist es so, dass Deutschland eines der wenigen Länder ist, in dem die Kinder aus der Gruppe, also aus dem Arbeitsbereich der Erzieherinnen abgeholt werden.“ In der Türkei hingegen werde ein solches Verhalten von Eltern als unüblich oder gar unhöflich bewertet. Dr. Heidari ging auch auf die weiteren Beispiele ein und zeigte auf, wie solche Alltagsprobleme gelöst werden können. Dabei reicht die Bandbreite von Elternabenden in Kleingruppen bis hin zu mündlichen Absprachen.

„Es zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Tagung: Die Kulturen wissen zu wenig voneinander“, so lautete am Ende der Veranstaltung das Fazit von Sandra Baten vom Kreisjugendamt Borken, die im „Interkulturellen Netzwerk“ mitarbeitet. Gleichzeitig zeigte sie sich sehr erfreut über das große Interesse: „Wir konnten aus Platzgründen gar nicht alle Anmeldungen annehmen.“ Dies zeige den hohen Bedarf an Information und Erfahrungsaustausch, der gerade für ein funktionierendes Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen von grundlegender Bedeutung ist.

Nähere Informationen zum Referenten Dr. Heidari und zu seinem Vortrag gibt es im Internet unter www.kreis-borken.de/presselinks.

Zum Hintergrund

Das „Interkulturelle Netzwerk Westmünsterland“ ist ein Zusammenschluss öffentlicher und freier Träger, die sich in unterschiedlichster Weise mit den Themen Integration und Migration auseinandersetzen sowie Beratung und Hilfe im Alltag anbieten. Informationen zum Thema „Integration und Zuwandung“ gibt es auf den Internetseiten des Kreises borken unter: www.kreis-borken.de/integration.