“MAHLZEIT!” sagt der Beobachter –  Neues von DeWo 

So ertönt der Schlachtruf zwischen zehn Uhr morgens und fünf Uhr am Nachmittag durch deutsche Werkshallen, Büros und Amtsstuben. Wo man sich andernlands mit „Good Morning“, „Bonjour“, „Bon Giorno“, „Dobre Utra“ oder „Ni hao” begrüßt, schnauzt man sich hierzulande an mit „Mahlzeit!”

Sogar auf’m Klo  musste ich diesen Anraunzer schon entgegennehmen, was ich, im Hinblick auf das dort herrschende Rüchlein und den dort üblichen Verrichtungen, die ja gerade das Gegenteil darstellen, immer ein wenig irritierend fand. Scheint sich aber zum liebenswerten Usus gemausert zu haben, dieses „Mahlzeit!“. Allüberall und zu jeder Tageszeit.

Ist wohl ein Ausdruck des neuzeitigen Lebensgefühls, was die unabdingbare Notwendigkeit der körperverlangenden Energieaufnahme – auch bekannt als „Essen“ – angeht.

Man kann das sehr schön beobachten, morgens, in der Früh, wenn man (oder frau) mit wehenden Rockschößen in die Bahnhofshallen der Großstädte rauscht, im Vorübergehen rasch einen „Coffee-to-go“ grapscht und irgendein Zuckerteilchen vom Bäcker, was dann auf zugigen Bahnsteigen oder in überfüllten Regionalzügen in sich reingestopft wird. „Frühstück“, nennen sie das im allgemeinen, während sie mit vollem Mund und vollmundig dem Kollegen oder der Kollegin was von ihrem letztsonntäglichen Gastro-Besuch bei ihrem Lieblings-Eriträer vorschwadronieren, bei dem man ja so ein phantastisches, „Gesottenes Schafshirn mit Rosinen-Couscous“ bekommen könne. „Für nur achtzehn-Euro-fuffzich“, das müsse man sich mal vorstellen! „Aha“, macht der Gegenüber und schnipst diskret die angefeuchteten Krümel vom Mantelkragen, die sich im Verlaufe der vollmundigen Rede des Erzählers aus dessen Mund selbstständig gemacht haben.

Zum Mittagsmahl (sic!) geht’s dann weiter mit der Vollwertkost. Nach einem (mehr oder weniger) arbeitsreichen und somit energieverzehrenden Vormittag, verlangt der Körper nach Nahrung. In Ermangelung einer Kantine, was aber kein Problem darstellt, denn da werde einem ja doch nur der grau-grüne Großküchenfraß auf die Teller geklatscht, wie man sagt, geht’s an die Bude umme Ecke. (Ja, meine Güte, was anderes gibt’s eben in unserem Industriegebiet nicht). Also gibt’s Schnitzel aus der Fitteuse oder das allseits beliebte „CPM“ (a.k.a. Currywurstpommesmajo). ABER: Mit einem frischen Salat. Wegen der Vitamine, verstehste! Gut, dass der Salat nun schon den ganzen Vormittag über unter seiner Plastikhaube auf der Theke des Imbisswagens vor sich hingeschwitzt hat und aussieht wie die Blüten an einem drei Wochen alten Schnittblumenstrauß, das beachten wir jetzt mal nicht. Es handelt sich eben um „Vollwertkost“, und voll ist man jedenfalls nach deren Genuss. Also wird zum Nachtisch noch ein rasch angerührter Instant-Kaffee drübergestreut, der den rechten Kick für die Nachmittagsarbeit verschaffen soll.

Das Ganze erinnert mich dann so ein bisschen an die Serie „Taxi Knosovski“ bei WDR-4, in der es immer heißt:.
„Zentrale, Die Sieben!“
„Die Sieben hört.“
„Wann kommse Mittach?“
„Jetz.“
„Kannze wat mitbringen?“
„Watt?“
„Zwölf Heiße-Kiste-Zigeunerschnitzel ‚Rabiat‘ un ein Sojabratling im Dinkelbrötchen.“
„Verstanden, Die Sieben.“
Das hat auch sowas gourmetmäßig Kultiviertes.

Aber dann ist es geschafft, für heute. Obwohl, Überstunden waren natürlich auch mal wieder fällig, so ein Mist, und damit ist der Zug weg und der nächste so hoffnungslos überfüllt, dass einem die Leute auf die Pelle rücken und es einem von den Ausdünstungen der mittäglichen CPM-Mahlzeit noch Stunden später schlecht wird. Issebenso, kammer nix machen.

Jedenfalls muss sich der Lebensmitteleinkauf fürs Abendessen auf Tiefkühlpizza mit Pappdeckelboden, Analogkäse und Preß-Schinken beschränken. Husch, husch, keine Zeit! Es pressiert, schließlich wollen die Blagen was zum Beißen haben, nachdem ihr Frühstück lediglich aus einem Zwei-Euro-Stück bestand, gewürzt mit der Bemerkung: „Da, kauft Euch was beim Bäcker!“

Also, rein mit der Vollwertpizza in den Backofen, gleich unterhalb des Regals mit den vierunddreißig Kochbüchern, die allesamt schon so zerlesen aussehen, als wären sie gerade erst vom Verlag ausgeliefert worden (unter ihnen natürlich auch das jüngst in Raesfeld erschienene, das mit der Multi-Kulti-Küche, klar, oder?). Zu Trinken gibt’s selbstverständlich Mate-Tee. Wegen der erfrischenden und vitalisierenden Wirkung. Allerdings nicht für die Blagen. Die mögen den nicht und bevorzugen Cola. Auch wegen der erfrischenden und vitalisierenden Wirkung. Naja, sollen sie…

Nach dem Nachtmahl ist Entspannung angesagt. Wie jeden Abend kommt da heute ‘ne Kochsendung im Fernsehen, wo uns ein mit mindestens…, wenn nicht noch mehr Sternen, Kochlöffeln, Kochmützen und Gourmeo-Punkten ausgerüsteter Töpfe-Dompteur-und-Pfannen-Artist was von der Zubereitung von Spitzenmahlzeiten am heimischen Herd erzählt (notfalls der, der neulich den Raesfeldern bei „Spargel-heit“ was vorgekocht hat). Alles ganz easy. Und natürlich Gluten-, Laktose-, Fett-, Salz-, Zucker- und geschmacksfrei, wegen der Neurodermitis oder der Allergie oder der Hysterie, was man halt so hat, heutzutage, als Genießer. Versteht sich doch von selber, oder? Dazu knabbern wir einen gesunden Tofu-Müsliriegel (ebenso geschmacksneutral wie die Tüte, in der uns der Bahnhofsbäcker am Morgen die Frühstückskaffeeteilchen gepackt hat – aber egal, Hauptsache gesund), und wir erregen uns: „Ja wie jetzt? – Das Eis haben Sie nicht selber gemacht??? – Ist das etwa ein Industrieprodukt aus dem Supermarkt??? – Ja, sowas geht ja GAR NICHT!!!“

Guten Appetit und ein schönes Wochenende
wünscht

DeWo

(MAHLZEIT!)

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