250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur Fachtagung des Runden Tisches GewAlternativen ins Kreishaus
Kreis Borken (pd). Wer als Kind Gewalt erfährt, der tut sich auch als Erwachsener schwer, gute Beziehungen aufzubauen. Woran das liegt und welche Hilfen Betroffene benötigen, darüber diskutierten im Kreishaus die 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Fachtagung. Eingeladen hatte der Runde Tisch „GewAlternativen“, der sich im Kreis Borken gegen häusliche Gewalt engagiert. Unter dem Titel „Frühes Trauma – späte Folgen“ skizzierte Michaela Huber, Psychotherapeutin aus Göttingen, welche Konsequenzen es hat, wenn Kinder in ungesunden Verhältnissen aufwachsen.
Landrat Dr. Kai Zwicker untermauerte in seiner Begrüßung, dass auch im Kreis Borken viele Kinder mit einem gewalttätigen Umfeld konfrontiert sind. So hat die Kreispolizeibehörde Borken von Januar bis Oktober dieses Jahres bereits 233 Fälle von häuslicher Gewalt registriert. In 134 Fällen kam es zu Körperverletzungen – in 35 Fällen davon zu gefährlichen Körperverletzungen. Im gleichen Vorjahreszeitraum wurden 210 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt gestellt. Die Zahlen verdeutlichten, dass es keinen Anlass dafür gebe, das gemeinsame Engagement gegen häusliche Gewalt zurückzufahren, betonte Landrat Dr. Kai Zwicker. „Jeder Fall häuslicher Gewalt ist einer zu viel.“
Michaela Huber erläuterte in ihrem Vortrag, wie Kinder Stress verarbeiten und welche seelischen Auswirkungen Traumata aus frühester Kindheit haben können. „Nicht alle Schäden sind wieder rückgängig zu machen“, so die Expertin, die auch Supervisorin und Ausbilderin im Bereich Traumabehandlung ist. Wenn Kinder ständig die Stimmung der Erwachsenen im Blick haben müssten, um nicht abgewiesen oder gar geschlagen zu werden, störe das ihre Persönlichkeitsentwicklung massiv. Dabei sei es nicht entscheidend, ob Kinder selbst Gewalt erlebten oder sie etwa zwischen den Eltern beobachteten. „Zeuge einer Entsetzlichkeit zu werden kann genauso ein Trauma auslösen wie die Entsetzlichkeit selbst.“
Michaela Huber erläuterte, wie Verhaltensmuster von einer an die nächste Generation weitergegeben werden. Oft drehe sich die Gewaltspirale immer schneller und es sei unumgänglich, ein Kind aus der Familie herauszunehmen, um ihm eine angstfreie Entwicklung zu ermöglichen und in seiner Persönlichkeit zu stärken. „Es ist falsch, Kinder in einen sozialen Kontakt zu zwingen, der sie zerstört“. Nach Gewalterfahrungen bräuchten sie ein sicheres Umfeld, emotionale Aufrichtigkeit und verlässliche Bezugspersonen.
Die Täter müssten erst lernen ihre Gefühle zu kontrollieren, bevor sie wieder unbegleiteten Umgang bekommen dürften. „Der Täter muss wissen, was ihn auf die Palme bringt“, so Huber.
Michaela Huber empfahl ihren Berufskolleginnen und -kollegen im Publikum, sich in der Arbeit mit den Opfern persönlich zurückzunehmen. „Wir Therapeuten sind mehr Coach als Mama“, so die Trauma-Expertin. Die Opfer bräuchten häufig jemanden, der ihnen helfe erwachsen zu werden. „Wenn jemand in die Mutterrolle schlüpft, müssen sie das aber nicht.“
Der Runde Tisch „GewAlternativen“ will sich auch in Zukunft mit dem Thema Traumabehandlung beschäftigen. Er ist ein Zusammenschluss von Fachleuten unter anderem aus den Bereichen Polizei, Justiz, Jugendhilfe, Gleichstellung, Beratung und Bildung. In fünf Arbeitsgruppen beschäftigen sie sich mit den unterschiedlichen Facetten des Themas, von der Prävention über die Täterarbeit bis zur Hilfe für die Opfer. Das Gremium besteht seit 2001. Weitere Informationen zur Arbeit des Runden Tisches gibt es im Internet unter http://www.gewalternativen.de/.




























