Ein Telefon im Flur, Niederländer auf dem Fahrrad, ein Bürgermeister mit kleinen Schwierigkeiten bei der niederländischen Aussprache und 1.600 Tulpenzwiebeln: Beim 40-jährigen Jubiläum der Partnerschaft zwischen Raesfeld und Wehl ging es am Samstag im HUB Erle nicht nur um Urkunden und Unterschriften. Vor allem ging es um Menschen, die sich über vier Jahrzehnte immer wieder begegnet sind.

Damals klingelte es noch im Flur
1986. Dirk Kuhmann ging noch zur Grundschule, Smartphones kannte niemand und an WhatsApp war nicht zu denken. Wer damals Kontakt zu den neuen Freunden auf der anderen Seite der Grenze aufnehmen wollte, musste telefonieren. Und das Telefon stand, daran erinnerte Kuhmann, meistens mitten im Flur. Wer gerade vorbeikam, konnte mithören.
„Eine Partnerschaft besteht letztendlich aus Menschen. Nicht aus WhatsApp-Gruppen und auch nicht aus Urkunden, die unterzeichnet werden. Eine Partnerschaft besteht aus Begegnungen“, sagte Kuhmann. Davon habe es seit 1986 viele gegeben. Vereine hätten sich gegenseitig besucht, Menschen kennengelernt und aus Bekanntschaften seien Freundschaften entstanden.

Niederländer relaxed, Deutsche lieber gut vorbereitet
Ganz gleich seien sich Deutsche und Niederländer allerdings nicht, stellte Kuhmann fest. „Ihr Niederländer seid so relaxed.“ Die Deutschen seien dagegen, vorsichtig ausgedrückt, manchmal etwas steifer und förmlicher. Selbst beim Fahrradfahren will Kuhmann Unterschiede ausgemacht haben. Bevor Deutsche losführen, werde gerne erst geklärt: „Wo fahren wir hin? Gibt es dort etwas zu sehen? Kann man da zur Toilette? Gibt es Kaffee und Kuchen?“ Die Gäste lachten.
Wichtiger seien jedoch die Gemeinsamkeiten. Raesfeld und Wehl lägen in einer gemeinsamen Region und beide Seiten verbinde die europäische Idee. „Freundschaften kennen keine Grenzen“, sagte Kuhmann. Gerade in einer Zeit, in der Europa einen Rechtsruck erlebe, müsse diese Freundschaft weiter gepflegt werden. Kuhmann wünsche sich, dass dies auch in den nächsten 40 Jahren gelinge.

Jetzt sind die Jüngeren gefragt
Dabei hatte Kuhmann besonders die nächste Generation im Blick. Junge Menschen aus Raesfeld und Wehl sollten sich kennenlernen, gemeinsam feiern, lachen oder Sport treiben. Tennis und Fußball nannte er als Beispiele. Erfahrungen mit dem sportlichen Ehrgeiz der Nachbarn gebe es bereits. Bei einer Veranstaltung habe eine Delegation aus Wehl gleich mehrere vordere Plätze abgeräumt. „Genauso muss es ja sein“, kommentierte Kuhmann.
Sein Dank galt den Menschen, die 1986 den Anfang gemacht hatten, ebenso den Vereinen und Ehrenamtlichen, die anschließend immer wieder für Begegnungen gesorgt hätten. 40 Jahre gemeinsam einen Weg zu gehen, sei keine Selbstverständlichkeit.

Warum gute Nachbarschaft wichtig bleibt
Doetinchems Bürgermeister Mark Boumans erinnerte an die Anfänge der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Kulturelle und sportliche Begegnungen hätten dabei früh eine wichtige Rolle gespielt. Später seien weitere Kontakte und gemeinsame Aktivitäten hinzugekommen. Die Welt habe Mitte der 1980er-Jahre anders ausgesehen. Der Kalte Krieg und die Berliner Mauer hätten damals die internationale Lage bestimmt. Gute Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarn seien auch heute wichtig, machte Boumans deutlich.
Ein Beispiel dafür seien die Gedenkfeiern am 4. Mai in Wehl. Vertreter aus Raesfeld nähmen seit Langem daran teil. Das sei für deutsche Gäste früher keineswegs selbstverständlich gewesen. Über die Jahre seien aus Begegnungen Freundschaften und persönliche Beziehungen entstanden. Boumans dankte den Menschen in Raesfeld, die sich dafür eingesetzt hätten.
Joop Buiting war schon bei den Anfängen dabei
Joop Buiting war schon dabei, als Anfang der 1980er-Jahre in Wehl die Idee für eine Partnerschaft entstand. Der heute 83-Jährige erinnerte sich an den damaligen Vereinigungsrat, in dem zahlreiche Vereine vertreten waren. Viele Kommunen hätten zu dieser Zeit Partnerschaften mit Orten im Ausland aufgebaut. Also habe sich auch in Wehl die Frage nach einer passenden Gemeinde gestellt.

Nur allzu weit entfernt sollte sie nicht liegen. Schließlich wollte man sich nicht nur schreiben, sondern sich auch besuchen und gemeinsam etwas unternehmen können. Die Suche führte nach Raesfeld. Es folgten Gespräche, Besuche und weitere Treffen. Dabei habe für Buiting und seine Mitstreiter früh festgestanden: Die Partnerschaft dürfe nicht nur zwischen Bürgermeistern, Gemeinderäten und Verwaltungen stattfinden. Die Menschen sollten mitmachen. Ebenso die Vereine.

Zwischen den Reden gehört die Bühne den Tänzerinnen
Zwischen den Reden gehörte die Bühne den Tanzgruppen den Kids vom RRZ. Die Tänzerinnen bekamen viel Beifall. Auch musikalisch wurde die Feier begleitet. Der Raesfelder Sänger Michael Kruse griff zur Gitarre und wählte passend zum Thema der grenzüberschreitenden Freundschaft den Simon & Garfunkel-Song „Bridge over Troubled Water“. Damit griff er den Gedanken des Brückenbauens zwischen Raesfeld und Wehl auch musikalisch auf.
Auch der Karneval gehört seit Jahren zu den Kontakten zwischen beiden Orten. Viele Gäste im HUB kannten sich längst von gegenseitigen Besuchen und gemeinsamen Veranstaltungen.

Niederländisch mit kleiner Nachhilfe
Ganz ohne Urkunde ging es an diesem Nachmittag dann doch nicht. Raesfeld und Wehl wollten ihre Partnerschaft erneut schriftlich bekräftigen. Dirk Kuhmann übernahm dabei auch den niederländischen Text. Plattdeutsch und Niederländisch ähneln sich zwar. Bei einigen Wörtern half Kuhmann das jedoch wenig. Er stockte, vom niederländischen Bürgermeister bekam er prompt Unterstützung. Die Gäste lachten, Kuhmann machte weiter.
In dem Vertrag bekräftigen beide Seiten, ihre Zusammenarbeit fortzusetzen. Persönliche Kontakte und gemeinsame Aktivitäten sollen bleiben. Auch Begegnungen in den Bereichen Bildung, Kultur, Sport und Wirtschaft gehören dazu. Offenheit, Wertschätzung, Respekt, Vertrauen und Dialog sollen weiterhin die Grundlage bilden. Dann kamen die Unterschriften darunter. Die Partnerschaft zwischen Raesfeld und Wehl war erneut besiegelt. Anschließend trugen sich die Anwesenden in das Goldene Buch der Gemeinde ein.

1.600 Tulpen zum Abschied
Joop Buiting hatte noch eine Überraschung dabei. Lange habe er überlegt, was er Raesfeld zum 40-jährigen Bestehen der Partnerschaft schenken könne. Schließlich sei ihm in den Niederlanden die passende Idee gekommen: Tulpen. Und davon nicht nur eine Handvoll. 1.600 Tulpenzwiebeln schenkte Buiting der Gemeinde.
Sein Vorschlag: Die Tulpen könnten in Raesfeld in Form eines Herzens gepflanzt werden. So würde das Geschenk im kommenden Frühjahr nicht nur für Farbe sorgen, sondern zugleich an die Freundschaft zwischen Raesfeld und Wehl erinnern.

Für den 83-Jährigen war die Feier zugleich ein Abschied. Buiting gab bekannt, seinen Vorsitz bei den „Vrienden van Raesfeld“ abzugeben. Im kommenden Frühjahr dürfte dann zu sehen sein, ob aus seinem Vorschlag tatsächlich ein niederländisches Tulpenherz in Raesfeld wird.





















































