Immer mehr Kinder brauchen vorübergehend oder dauerhaft einen Platz in einer Pflegefamilie. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Menschen, die ein Kind aufnehmen möchten. Die Perspektive Individuelle Erziehungshilfen GmbH in Dorsten sucht deshalb dringend neue Pflegeeltern.
Seit 30 Jahren begleitet der ambulante Jugendhilfeträger Pflegekinder, Pflegeeltern und Herkunftsfamilien. Seit 29 Jahren vermittelt Leiterin Hildegard Overfeld Kinder in professionelle oder besonders geeignete Pflegefamilien.
Der Bedarf wächst. „Wir sind im Moment händeringend auf der Suche nach geeigneten Pflegeeltern und Pflegefamilien“, sagt Overfeld. Damit steht „Perspektive“ nicht allein. Auch Jugendämter und andere Träger suchen dringend Menschen, die einem Kind vorübergehend oder dauerhaft einen neuen Lebensort geben möchten.

53 Kinder leben in betreuten Pflegefamilien
Sechs pädagogische Fachberaterinnen arbeiten bei „Perspektive“. Sie kommen aus der Sozialpädagogik, Pädagogik und Sonderschulpädagogik. Alle verfügen über zusätzliche Qualifikationen und sind als Traumafachberaterinnen ausgebildet. Derzeit begleitet der Träger 53 Kinder in Pflegefamilien. Die Altersspanne reicht von Säuglingen bis zu jungen Erwachsenen. In einzelnen Fällen läuft die Betreuung bis zum 21. Lebensjahr, wenn die jungen Menschen entwicklungsverzögert sind oder weiterhin Unterstützung benötigen.
Die meisten Anfragen betreffen Kinder im Alter zwischen null und drei Jahren. Manchmal beginnt die Arbeit bereits vor der Geburt. Die Fachberaterinnen versuchen dann frühzeitig, mit den leiblichen Eltern ins Gespräch zu kommen. „Unser Ziel ist immer, im Idealfall eine einvernehmliche Lösung mit den leiblichen Eltern zu bekommen und sie mit ins Boot zu holen“, sagt Overfeld. „Je einvernehmlicher so etwas läuft, desto besser ist es für die Kinder.“
Die Anfragen kommen vor allem aus dem Ruhrgebiet und der Region. „Perspektive“ arbeitet unter anderem mit den Jugendämtern in Dorsten sowie in den Kreisen Borken und Wesel zusammen. Wegen des steigenden Bedarfs erreichen den Träger inzwischen auch Anfragen aus Köln, Ibbenbüren oder Bremen.

Manchmal muss es sehr schnell gehen
Die Kinder, für die „Perspektive“ angefragt wird, gelten häufig als schwer vermittelbar. Das könne auch einen Säugling betreffen. Schwierige familiäre Verhältnisse, Erkrankungen der Eltern oder eine zunächst unklare Zukunft machten dann eine intensive Begleitung notwendig.
Manche Anfragen lassen kaum Zeit. Wenn nach der Geburt eines Kindes feststeht, dass es nicht mit seiner Mutter nach Hause gehen kann, muss schnell eine Pflegefamilie gefunden werden. Manchmal geht es um eine vorübergehende Unterbringung. In anderen Fällen steht bereits fest, dass das Kind dauerhaft einen neuen Lebensort braucht. Für das Kind müsse dieser Ort verlässlich sein. Die Pflegefamilie solle auch bei auftretenden Schwierigkeiten an seiner Seite bleiben. „Das ist unabdingbar“, betont Overfeld. Deshalb bereitet der Träger alle Bewerber intensiv auf ihre Aufgabe vor.
Neben dauerhaften Pflegefamilien sucht „Perspektive“ ausdrücklich nach Bereitschaftspflegefamilien. Sie nehmen ein Kind für eine begrenzte Zeit auf, während das Jugendamt und die beteiligten Fachkräfte seine weitere Zukunft klären. „Das sind Familien, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, ein Kind nur vorübergehend bei sich aufzunehmen und den Übergang zu einer weiteren Dauerpflegefamilie zum späteren Zeitpunkt zu begleiten. Oder ins Herkunftssystem zu begleiten“, erklärt Katrin Schwerhoff.

Wer Pflegeeltern werden kann
Ob sich eine Einzelperson, ein heterosexuelles oder ein homosexuelles Paar bewirbt, spielt für den Träger keine entscheidende Rolle. Wichtiger seien die persönliche Haltung, die Belastbarkeit und die Bereitschaft, sich auf die Geschichte eines Kindes einzulassen. „Pflegeeltern sollten ein großes Herz haben, bereit und fähig sein, ihr eigenes Handeln zu reflektieren, Lust auf eine pädagogische Herausforderung haben und Lust darauf, sich weiterzubilden und ihre Familie für ein neues System zu öffnen“, sagt Hildegard Overfeld.
Wenn ein Kind einziehe, verändere sich das gesamte Familienleben. Zugleich kämen die Fachberaterinnen und das zuständige Jugendamt als weitere Beteiligte hinzu. Pflegeeltern sollten ihre Erwartungen an das Kind möglichst gering halten und ihm dennoch Akzeptanz, Wertschätzung und Liebe entgegenbringen. Viele Pflegekinder hätten belastende Erfahrungen gemacht. Sie brauchten Zeit, Sicherheit und verlässliche Erwachsene.
Begleitung rund um die Uhr
Mit der Aufnahme eines Kindes beginnt die langfristige Begleitung. Die Fachberaterinnen unterstützen die Familien im Alltag und stehen über eine Rufbereitschaft rund um die Uhr zur Verfügung. Auf Wunsch nehmen sie an Gesprächen in Schulen, bei Therapeuten oder anderen Fachstellen teil.
„Wir erleben uns als Kolleginnen unserer Pflegeeltern, agieren auf Augenhöhe miteinander und haben die Idee, dass wir die Pflegeeltern bestmöglich begleiten“, sagt Overfeld. Die tägliche Verantwortung liege bei den Pflegeeltern. Sie lebten mit den Kindern und bewältigten die Herausforderungen des Alltags. Das Team begleite und unterstütze dort, wo die Familien Hilfe benötigten.
Einmal im Monat finden verpflichtende Elternabende statt. Hinzu kommen regelmäßige Fortbildungen und ein Pflegeelternwochenende. „Unsere Pflegeeltern sind wirklich sehr gut geschult“, sagt Sandra Vesper. „Wir haben regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen für unsere Pflegeeltern, sowohl auf den Elternabenden als auch einmal im Jahr das Fortbildungswochenende.“
Die Pflegeeltern erhielten alle Informationen, über die auch die Fachberaterinnen verfügten. Dadurch kennten sie sich unter anderem mit Bindung, Trauma und weiteren Themen aus, die Pflegekinder betreffen.
Herkunftseltern bleiben Teil der Geschichte
Auch wenn ein Kind nicht bei seinen leiblichen Eltern leben kann, bleiben sie Teil seiner Biografie. „Perspektive“ versteht sich deshalb als Brücke zwischen der Pflegefamilie, dem Jugendamt und dem Herkunftssystem. Besuchskontakte finden grundsätzlich im Beisein einer Fachberaterin und eines Pflegeelternteils statt. Dafür nutzt der Träger auch die Räume im Haus an der Vogelstange.
„Wir gehen grundsätzlich von einer wertschätzenden Haltung gegenüber den Herkunftseltern und dem Herkunftssystem aus“, sagt Overfeld. Das falle nicht in jedem Fall leicht. „Natürlich gibt es Fälle, die so geartet sind, dass auch uns diese wertschätzende Haltung schwerfällt.“ Das Team versuche dennoch, zwischen den Beteiligten zu vermitteln und die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen.

Kunsttherapie ohne Leistungsdruck
Zum Angebot gehört auch die Kunsttherapie. Kunsttherapeutin Marlies Langenhorst arbeitet mit Kindern, die ihre Erfahrungen noch nicht oder nicht mehr in Gesprächen ausdrücken können. „Wir haben Kinder, die bereits eine Psychotherapie gemacht haben, aber therapiemüde sind. Andere sind intellektuell noch nicht in der Lage, ihre Probleme aufzuarbeiten, oder gerade noch nicht an diesem Punkt“, erklärt Hildegard Overfeld.
Die Kunsttherapie biete diesen Kindern einen anderen Zugang zu ihren Gefühlen. „Sie können ihre Emotionen ausleben, ohne dass Leistungsdruck entsteht oder Erwartungen an sie gestellt werden.“ Das Haus an der Vogelstange bietet dafür verschiedene Räume und ein großes Außengelände. Dort finden auch Gespräche und begleitete Kontakte mit den Herkunftseltern statt.

Zwei offene Informationsveranstaltungen
Mit zwei offenen Informationsveranstaltungen möchte „Perspektive“ Menschen erreichen, die über die Aufnahme eines Pflegekindes nachdenken, bisher aber noch keinen Kontakt zu einem Jugendamt aufgenommen haben.
„Wir haben die Idee, dass es viele Menschen gibt, die sich vielleicht mit dem Thema auseinandersetzen, sich aber nicht trauen, sich direkt an ein Jugendamt zu wenden“, sagt Overfeld. Das Team informiert unverbindlich über die Voraussetzungen, Herausforderungen sowie die Vor- und Nachteile einer Aufnahme. Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die bereits eine Absage von einem Jugendamt oder einem anderen Träger erhalten haben.
Die Informationsveranstaltungen finden statt am:
- Donnerstag, 12. November 2026, ab 18 Uhr
- Samstag, 21. November 2026, ab 10 Uhr
Veranstaltungsort ist die Perspektive Individuelle Erziehungshilfen GmbH, An der Vogelstange 12, 46284 Dorsten.
Kontakt:
Telefon: 02362 201224
E-Mail: [email protected]
Facebook: Perspektive Individuelle Erziehungshilfen GmbH

























