Neun junge Handwerksleute auf Walz

Ein nicht alltägliches Bild zeigte sich vorgestern in Raesfeld, als neun junge Handwerker in ihrer für ihren jeweiligen Beruf typischen Kleidung durch den Ort zogen.
Die Wanderschaft oder Walz bezeichnet die Zeit der Wanderung zünftiger Gesellen nach dem Abschluss der Lehrzeit. Bis zur Industrialisierung waren die Wanderjahre eine der Voraussetzungen zur Zulassung zur Meisterprüfung. Regeln der Wanderschaft wurden in der Zunft je nach Gewerk regional oder zeitlich unterschiedlich festgelegt.

Wandergesellen in Raesfeld
Hat man sich für die Walz entschieden, so sind drei Jahre und ein Tag als Minimum einer Wanderschaft festgelegt. Auf die Wanderschaft darf heute nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Die Wanderschaft soll nicht als „Flucht“ vor Verantwortung missbraucht werden. Oft ist auch ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Einträge erforderlich. Die Wanderschaft selbst ist teilweise an schwierige Bedingungen geknüpft. So darf der Geselle in seiner Reisezeit einen Bannkreis von 50 km um seinen Heimatort nicht betreten. Er darf kein eigenes Fahrzeug besitzen und bewegt sich nur zu Fuß oder per Anhalter fort. In der Öffentlichkeit muss er immer seine Kluft tragen. Er hat sich immer ehrbar und zünftig zu verhalten, so dass der Nächste ebenfalls gern gesehen ist.

Wandergesellen in Raesfeld am Schloss
Die durch Raesfeld wandernde Gruppe setzte sich aus acht unterschiedlichen Handwerkszweigen zusammen, u.a. aus Zimmerern, Schreinern, Dachdeckern, Malern, Keramikern, Steinmetzen, Goldschmieden und Glaskünstlern.
Die einzelnen Teilnehmer der Gruppe hatten sich im Laufe der Wanderjahre an unterschiedlichen Orten im deutschsprachigen Raum getroffen und kennengelernt und sich in dieser Zusammensetzung vor einigen Tagen getroffen, um eine Gesellin aus Xanten, die drei Jahre und acht Monate auf der Walz war, auf ihrem Weg in ihren Heimatort zu begleiten.

Gepäck von Wandergesellen in Raesfeld
Mit dem typischen Wandergepäck , dem Wanderstock und dem „Charlottenburger“ (Tornister) war auch die Gruppe in Raesfeld ausgestattet und auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Richard Sühling und Karl-Heinz Tünte aus dem Raesfelder Heimatverein sorgten spontan für ein Dach über dem Kopf. Nach einem frisch zubereiteten Frühstück und einem Blick in die Schlosskapelle zog die Gruppe am nächsten Morgen auf dem neu ausgeschilderten Teilstück des Jacobsweges durch den Raesfelder Tiergarten zur nächsten Station zur Kirche und zum Kloster nach Marienthal. (Karl-Heinz Tünte)