Noch etwas unbeholfen stehen die zwei frisch geborenen rot-weiß und schwarz-weißen Kälbchen am Montagmorgen auf ihren Beinen auf der Wiese.

Neugierig schauen sie den vorbeifahrenden Autos auf der Schermbecker Straße nach. Das Licht der Welt erblickten die Beiden in den frühen Morgenstunden auf der „Erler Geburtswiese“ komplikationslos und schnell.
Bei den Müttern allerdings herrscht momentan untereinander ein wenig Zickenkrieg. Immer wieder geht die schwarze Kuh auf das kleine Kälbchen los und gibt ihm einen Stoß, sobald es nur in ihre Nähe kommt. „Halt bloß dein Kalb bei dir“, könnte das in der Tiersprache heißen. Damit ihrem Kälbchen aber nichts passiert, sucht die Rote das Weite. Ein Moment, wo auch Bauer Andreas Gerdes gerne mal eingreift. Ansonsten aber, sind die Tiere im „Kreißsaal“ vor und nach der Geburt unter sich.

Zwischen 35 bis 40 Kilo wiegt ein neu geborenes Kälbchen. Kein Gewicht für Bauer Andreas Gerdes, wenn es sein muss, diesem den richtigen Platz zuzuweisen. Zur Not wird es dann auch dorthin getragen.
Zwischen 35 bis 40 Kilo wiegt ein neu geborenes Kälbchen. Kein Gewicht für Bauer Andreas Gerdes, wenn es sein muss, diesem den richtigen Platz zuzuweisen. Zur Not wird es dann auch dorthin getragen.

Bauer Gerdes ist nicht nur der einzige Bauer in der Dorfmitte, sondern auch der Einzige, der seit ewigen Zeiten eine „Gebärwiese“ für seine Rinder hat. Momentan geht es hier zu wie in einem Taubenschlag. Rund 30 Kälbchen kamen in diesem Sommer auf die Welt, und immer wieder bleiben vorbeigehende Passanten staunend am Zaun stehen und schauen zu, wenn es mal wieder „soweit ist“.
„Der Himmel ist der beste Kuhstall“, lautet das Motto von Ludwig Gerdes, der seinen Hof bereits in vierter Generation, mit knapp 50 Hektar Wirtschaftsfläche, gemeinsam mit Ehefrau Gisela und Sohn Andreas, bewirtschaftet.

Verirrtes Kälbchen wieder eingefangen.

Andreas Gerdes hat bereits vor zehn Jahren den elterlichen Hof übernommen und weiß was es heißt, heute mit Landwirtschaft Geld zu verdienen. Was hier noch auf dem Hof, mit dem großen Misthaufen in der Mitte, ein wenig nach Romantik aussieht, ist harte Knochenarbeit. Sieben Tage die Wochen an 365 Tagen im Jahr. Der kleine Milchbetrieb mit rund 80 Kühen war, bis zur Regelung der Milchquote 1984, noch einer der größten Höfe in der Umgebung. Heute können die Gerdes von der Milchwirtschaft alleine nicht leben.

Andreas und Vater Ludwig Gerdes sorgen für Ruhe im "Kreissaal" an der Schermbecker Straße in Erle
Andreas und Vater Ludwig Gerdes sorgen für Ruhe im „Kreissaal“ an der Schermbecker Straße in Erle

Das es nur 24 Cent pro Liter Milch gibt, bringt Andreas Gerdes regelrecht auf die Palme. Aber auch die Kälberpreise bereiten dem Bauer große Sorgen. „Bis März bekamen wir für ein Kälbchen gerade mal 35 Euro, für eine Zwillingsgeburt pro Kalb 15 Euro. Das deckt noch nicht einmal die Besamungsgebühr und den Tierarzt ab“, ärgert sich der Jungbauer. Grund dafür, dass hier auf den Hof für Romantik kaum Platz ist. Alles will gut durchkalkuliert sein. Angefangen von dem „freien Sprung“ des Bullen bis hin zur Nachzucht.

Fürsorglich schützt die Mama ihr frischgeborenes Kälbchen und weiß mit dem neugierigen schwarzen Kälbchen nicht so richtig was anzufangen.
Fürsorglich schützt die Mama ihr frischgeborenes Kälbchen und weiß mit dem neugierigen schwarzen Kälbchen nicht so richtig was anzufangen.

„Am liebsten nehme ich leichtkälbige Bullen, damit die Mutterkühe eine leichtere Geburt haben“, so Ludwig Gerdes, der sein ganzes Leben, wie sein Sohn Andreas auch, auf seinen Bauernhof in Erle verbracht hat.
„Ja es ist schon traurig, dass wir die Kälber nicht lange bei ihren Mütter lassen können. Das sieht die EU nun mal nicht vor“, sagt Ludwig Gerdes ein klein wenig wehmütig.

Warte worauf? Nur ein kleines Päuschen in der Mittagsonne
Warten worauf? Nur ein kleines Päuschen in der Mittagsonne

Bevor Mutter und Kalb getrennt werden, gibt es dann doch wenigstens ein paar Stunden Glück unter blauem Himmel, Regen oder Sonne auf der „Erler Geburtswiese“ miteinander, bevor beide getrennt werden und es dann „ab in den Stall“ geht. Jeder für sich!

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