Friedel Sebastian ist dem Ahrtal familiär verbunden und besuchte die Region in den vergangenen vier Jahren regelmäßig. Bei seiner Reise mit dem Rollstuhl und öffentlichen Verkehrsmitteln rückten vor allem die Barrierefreiheit, der Mobilitätsservice der Deutschen Bahn und die Schwierigkeiten beim Umsteigen in den Mittelpunkt. Zugleich schildert er, wie weit der Wiederaufbau im Ahrtal vorangekommen ist und welche Angebote Menschen mit Behinderung dort vorfinden.
Seinen persönlichen Erfahrungsbericht veröffentlichen wir nachfolgend unverändert und vollständig im Wortlaut.

Mit ÖPNV und ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) ins Ahrtal
Als Kind und auch als Erwachsener habe ich zahlreiche Urlaube im Geburtsort meines Vaters, Walporzheim im Ahrtal, verbracht. Auch nach meiner Erkrankung mit ALS fanden sich Mittel und Wege, zu Besuchen ins Ahrtal zu gelangen.
Solch einem „Neuanfang“ sollte auch den Menschen mit Beeinträchtigungen Rechnung getragen werden. Über meine Familie erfuhr ich von den Fortschritten des Wiederaufbaus. Daher kam ich auf die Idee, den Versuch zu wagen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln (ÖPNV) ins Ahrtal zu reisen.

Im Rahmen der Planung wurden alle Zugverbindungen dem Mobilitätsservice der DB gemeldet. Meine Schwester als Begleitperson und ich fanden uns pünktlich zur Abfahrt in Raesfeld (Westf.) an der Bushaltestelle ein, um nach Wesel zu fahren. Obgleich ich mit Sicherheit nicht zu übersehen war, öffnete der Fahrer nur die vordere Tür und war im Begriff, wieder abzufahren, wenn meine Schwester nicht nach vorne gelaufen wäre und ihm verdeutlicht hätte, dass wir auch mitfahren wollten.
Daraufhin öffnete er die mittlere Tür. Erst nach nochmaliger Aufforderung kam er dem Wunsch nach, die Rampe herauszuklappen. Gleiches erfuhren wir bei unserer Ankunft in Wesel, wo er die Rampe erst betätigte, nachdem meine Schwester ihm mitteilte, dass sie es nicht könne.

Von Wesel sollte die Weiterfahrt mit dem Regionalexpress nach Bonn erfolgen. Hier erfuhren wir dann, dass der Zug ausfällt. Mobilitätsservice oder Information: Fehlanzeige.
Ab Oberhausen wollten sich mein Bruder und seine Frau unserer Fahrt anschließen. Insoweit fuhren wir mit dem nächsten Zug dorthin. Aber auch dort keine Information, wie oder wann man weiterkäme, nur der Hinweis, es würde sich vor Düsseldorf aufgrund einer Störung alles stauen. Es sei erwähnt, dass der 22. Juni ein extrem heißer Tag war und eine Umkehr durchaus überlegenswert war.

Bruder und Frau rieten, ob der jahrelangen Erfahrung mit dem ÖPNV auf der Strecke Oberhausen/Düsseldorf/Köln, erst einmal bis Düsseldorf zu fahren, da der Zug nach Bonn dort wohl eingesetzt werden beziehungsweise fahren würde. Dieser Zug war aufgrund der Störung überfüllt und die Klimaanlage defekt.
In Düsseldorf fuhr dann der Zug RE 5 tatsächlich, aber von einem anderen Gleis, was erst kurz vorher bekannt wurde. Aufgrund meiner nun dreiköpfigen Begleitung konnte ich den Zug erreichen, aber nur, weil einer sich in die Tür gestellt hat und die Abfahrt verhinderte. Der Hinweis, dass weitere Reisende (Rollstuhl, Kinderwagen) noch kämen, wurde ignoriert.
Der Rest der Fahrt verlief dann problemlos. Nach dem Umstieg in Bonn erreichten wir mit der gut klimatisierten Ahrtalbahn mit zwei Stunden Verspätung Walporzheim. Für 180 Kilometer hatten wir 7,5 Stunden gebraucht. Ohne Streckenkenntnis und Beweglichkeit wäre es noch eine Stunde mehr geworden.
Ungeachtet des freundlichen Empfangs durch die Familie war die Ankunft in Walporzheim deshalb besonders erbaulich, da der Bahnsteig „barrierefrei“ gestaltet war. Nachdem die Flut dort alles weggespült hatte, hatte sich der Ort Walporzheim für einen langsam ansteigenden, gepflasterten Bahnsteigzugang eingesetzt. Die DB hatte dort ursprünglich einen Aufzug geplant, welcher im Gegensatz zur Rampe oftmals defekt ist.

Die nächsten Tage waren der Besichtigung des Wiederaufbaus im Kreis Ahrweiler gewidmet. Dabei ist positiv zu vermerken, dass die Straßen und Geschäfte nahezu barrierefrei sind. Die Kirche, in der das Wasser über 1,30 Meter hoch stand, verfügt über drei behindertengerechte Eingänge. Der Radweg an der Ahr entlang, auch für Rollstühle gut befahrbar, ist fast vollständig wiederhergestellt. Der Kurpark in Bad Neuenahr ist noch nicht fertig, aber ein großer Teil bereits wieder nutzbar.

Das Jugendgästehaus, direkt an der Ahr gelegen, ist voll auf Menschen mit Handicap eingerichtet. Empfehlenswert ist das „Hotel zum Weinberg“, ein Hotel der Bethel-Stiftung. Absolut behinderten- und seniorengerecht. Große Zimmer und Bäder, nettes Personal. Bei rechtzeitiger Planung kann vor Ort ein Pflegedienst bestellt werden.

Da die Bahnsteige nach der Flut fast alle bereits wiederhergestellt sind, wurde eine Fahrt bis Ahrbrück (Oberahr) ins Auge gefasst. Die Zugänge sind, mit wenigen Ausnahmen, barrierefrei (Rampen). Allerdings fahren hier diverse Zugtypen, sodass für einen problemlosen Einstieg eben doch wieder eine Rampe erforderlich ist. Die Zugbegleitungen in der Ahrtalbahn waren superfreundlich und kamen sofort aus dem Zug, um dort, wo erforderlich, die Rampe anzulegen. Da es an den Tagen extrem heiß war, hat uns die funktionierende Klimaanlage fast dazu verleitet, in den Zügen die Ahr rauf und runter zu fahren.

Im oberen Ahrtal hat sich, wie man vom Zug aus sehen konnte, ebenfalls einiges getan. Allerdings sind die Schäden der Flut noch deutlicher zu sehen. Dann stand die Rückreise an. Abfahrt Bad Neuenahr: Kein Zugbegleiter war zu sehen, daher musste der Lokführer gebeten werden, die Rampe zu holen. Seine Bedenken, er kenne die Rampe nicht, konnten entkräftet werden, da wir ja nun mehrfach auf der Strecke ein- und ausgestiegen waren.
Er hat dann allerdings in Bonn Bescheid gegeben, wo ich dann tatsächlich einmal den „Mobilitätsservice“ der DB erfahren durfte. Sehr nett haben sie mich zum Zug und in ein Abteil gebracht, welches sie trotz Rückfrage meiner Schwester als das richtige ansahen. Das war leider falsch, sehr zum Leidwesen des Zugbegleiters, der aber so freundlich war und die Rampe in Wesel aus dem letzten Abteil zum Anfang des Zuges tragen durfte. Die Rückfahrt mit dem Bus verlief planmäßig und der Busfahrer war nett und hilfsbereit.

Fazit dieser Reise
Ich kann keinem empfehlen, mit der DB im Rollstuhl zu fahren. Durch ausfallende Züge, Gleisänderungen und unterschiedlich hohe Bahnsteige ist es ein teilweise schwieriges Unterfangen. Wie überall habe ich einige wirklich hilfsbereite Zugbegleiter (Ahrtalbahn) getroffen. Dennoch ist das Personal trotz Planung und Information des Mobilitätsservices größtenteils nicht auf Menschen mit Behinderung vorbereitet. Ob es an der mangelnden Information darüber, wo sich die Rampe oder das Abteil befindet, oder an fehlender Schulung für den Umgang mit diesen Kunden liegt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Dennoch hat sich die Reise gelohnt
Eine Naturkatastrophe hinterlässt immer Wunden, ob bei den Menschen, Gebäuden oder der Infrastruktur. Wunden heilen zwar, aber sie hinterlassen Narben. Man kann sich noch so bemühen, die Narben bleiben. Danke an die vielen Menschen, die spontan ehrenamtlich angepackt haben. Sie haben den Bewohnern des Ahrtals einen großen Dienst erwiesen.

Fünf Jahre nach der Flut gibt es zwar noch viel zu tun, aber es lohnt sich schon jetzt, ins wunderschöne Ahrtal zu fahren. Der größte Teil ist fertig, barrierefrei und seniorenfreundlich. Ich bin mir sicher: Noch weitere fünf Jahre und das Ahrtal ist erholsam, attraktiv und einer der schönsten Flecken Deutschlands. Allen gebührt Dank, die sich am Wiederaufbau beteiligt haben.
Fotos: Privat




























