StartGemeinde RaesfeldErleErkundungsgang von Dörthe Huth aus Dorsten: Die Femeiche in Raesfeld-Erle

Erkundungsgang von Dörthe Huth aus Dorsten: Die Femeiche in Raesfeld-Erle

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Dörthe Huth und die Femeiche in Erle. Fotos: Huth

Die Dorstener Schriftstellerin Dörthe Huth schreibt Bücher rund um die Lebensfreude, Geschichten, Gedichte und mehr. Sie ist eine exzellente Beobachterin und Erzählerin. Für die Heimatmedien macht sie sich auf Erkundungsgänge durch unsere Heimat. So besuchte Dörthe Huth auch die Femeiche in Raesfeld-Erle.

Einer meiner Lieblingsorte liegt in Raesfeld-Erle. Dort steht eine stille Beobachterin der Zeit, eine uralte Femeiche. Mein diesjähriger Besuch fällt mitten in die Umbauphase des Areals. Um den Baum herum soll ein offener Park entstehen, der durch Fußwege miteinander verbunden ist, Sitzgelegenheiten bietet und zum Verweilen einlädt. Die Informationstafeln, die Gerichtssteine und der Tisch, die zuvor dort standen, wurden zwar abgebaut, sollen aber nach Abschluss der Umbauarbeiten wieder aufgestellt werden. Auch mitten in der Umbauphase ist der als Naturdenkmal anerkannte Baum ein beliebtes Ausflugsziel für Besucher, Wanderer und Radfahrer.

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Foto: Huth

Baum der Weisheit

Die windschiefe Eiche, die zu allen Seiten durch Holzpfähle gestützt wird, blickt auf ein langes Leben zurück. Vom Wind als winziger Samen an diesen Ort getragen, hat sie einst ihren Anfang genommen. Ein Keimling, der mit Wasser und Erde korrespondierte, dann zu einem Trieb wurde, sich der Sonne entgegenstreckte und zu allen Seiten hin ausbreitete. Unter der Erde ein weit verzweigtes Wurzelsystem, das sie versorgt und sichert.

Foto: Huth

So hat die Femeiche zunehmend an Stärke gewonnen und allen Widrigkeiten getrotzt. Längst ist ihr Stamm von innen hohl und die Jahresringe sind nicht mehr zählbar. Zu ihrem Alter gibt es unterschiedliche Schätzungen, die von 600 bis 1500 Jahren reichen. Ein Baum also, der so alt ist, dass er ganze Epochen von Wissen und Weisheit in sich trägt. Aber die Leichtigkeit des Anfangs ist längst verloren. Die Eiche hat sich unter Mühen durch die Zeit behauptet. Unzählige Male war sie Hitze, Kälte, Regen und dem Klimawandel ausgesetzt. Jeder Riss in ihrer Rinde und jede Kerbe ihr ihrem Holz, sind Narben, die von Ereignissen berichten, die sie überdauert hat. Fast schon flehend reckt sie ihre Äste nach oben, als wollte sie am Himmel festhalten.

Ein Blick in die Vergangenheit

Als Zentrum des öffentlichen Lebens verkörperte die Eiche in früheren Zeiten Gerechtigkeit, Stärke und Zusammenhalt der Gemeinschaft. Sie diente als Gerichtsplatz, an dem Versammlungen abgehalten wurden, um über Recht und Ordnung zu beraten. Im Mittelhochdeutschen bedeutet „feme“ oder auch „veme“ so viel wie „Strafe, heimliches Freigericht“.

Foto: Huth

Die Jahrhunderte zogen an ihr vorbei und sie erlebte, wie Menschen und ihre Gesetze sich änderten. Manch einem mag sie wie Relikt längst vergangener Zeiten erscheinen, doch ist sie gleichzeitig eine Meisterin der Anpassung. Altern bedeutet nicht nur Verlust, sondern auch Reife, Tiefe und ein Verstehen, das nur durch die Jahre erlangt werden kann. Jedes ihrer Blätter, das im Herbst zu Boden fällt, ist ein Versprechen, dass das Leben weitergeht, auch wenn es seine Form wandelt. Selbst das Ende ist nur ein Teil des Kreislaufs und jeder Moment, den wir durchleben, ein Beitrag zu einem größeren Ganzen.

Mahnmal und Trost zugleich

Die Blätter der ausladenden Äste rascheln leise im Wind und flüstern jedem Besucher die Geschichten der Vergangenheit zu. Wir stehen auf dem gleichen Boden, atmen die gleiche Luft und trinken das gleiche Wasser. Dennoch wird uns die Femeiche wahrscheinlich noch um Dekaden überleben. Sie ist ein Symbol für Ausdauer, Beständigkeit und Trotz gegen die Zeit und ihre Widernisse.

Foto: Huth

Doch auch sie beugt sich der Zeit, die schwer auf ihren Schultern lastet und sie unermüdlich altern lässt. Ein Schicksal, das wir alle teilen. Aber alles endet irgendwann. Wir müssen die Vergänglichkeit des Lebens akzeptieren. Das Älterwerden schleicht sich mit jedem Windhauch in unsere Seelen und durchzieht auch die Wasseradern dieses Baumes. So stehe ich auch heute wieder hier, lausche dem leisen Herzschlag dieses Baumes und ziehe eine stille Ermutigung aus seiner Existenz. Wir alle sind Teil dieses ewigen Kreislaufs und hinterlassen Spuren, die länger andauern als unser Atem. Die Femeiche ist Mahnmal und Trost zugleich. Allemal aber ist sie einen Besuch wert.

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