Helmut Ackmann, langjähriger Geschäftsführer des Traditionsunternehmens Hetkamp in Raesfeld, spricht über die Entwicklung vom erfolgreichen Einrichtungshaus zur Insolvenz. Besonders in der Corona-Zeit habe man durch persönliche Kundenbindung gegengesteuert. Die Ursachen für das endgültige Aus im Jahr 2025 sieht Ackmann nicht in der Pandemie, sondern in strukturellen Entscheidungen nach seiner Zeit.

Ein Blick zurück: Vom Ein-Mann-Betrieb zur Institution
1866 gründete Gerhard Hetkamp in Raesfeld eine kleine Schreinerei. Mit handgefertigten Möbeln machte er sich rasch einen Namen. Betten, Wiegen, Schränke und Kommoden wurden in dem Ein-Mann-Betrieb für viele Raesfelder Familien gefertigt.
Ein Jahrhundert später, 1966, feiern Hubert und Luzie Hetkamp ihr erstes Ehejahr. Gemeinsam bauen sie das Unternehmen weiter aus und prägen es über Jahrzehnte.

2002: Helmut Ackmann übernimmt als Geschäftsführer
Im Jahr 2002 übernimmt Helmut Ackmann als Geschäftsführer die Verantwortung von Luzie Hetkamp. Sechs Jahre später führt er das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau Marlene Hübers weiter. Am 30. Juni 2022 übergibt Ackmann die Geschäftsführung an Manuel Happe.
Im November 2024 leitet das Unternehmen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ein. Im Juni 2025 steht das endgültige Aus des Raesfelder Traditionshauses fest.
Wie lief es eigentlich in den Jahren vor der Krise?
Nach der Jahrtausendwende hatte sich Hetkamp unter der Leitung von Helmut Ackmann und seiner Frau Marlene Hübers kontinuierlich weiterentwickelt. Möbel und Mode wurden zunehmend miteinander verbunden, das Geschäft modernisiert, die Eigenproduktion gestärkt. Die Marke Hetkamp stand längst nicht mehr nur für hochwertige Inneneinrichtung, sondern für ein ganzheitliches Lebensgefühl. „Wir haben viel investiert, aber auch viel bewegt“, sagt Ackmann. Die Verbindung aus Architektur, Handwerk, Stil und persönlicher Kundenbindung sei das, was Hetkamp ausgemacht habe.

Neue Konzepte entwickelt
Vor allem in den Jahren 2017 und 2018 sei der Betrieb stark gewachsen. Neue Konzepte wurden entwickelt, das Sortiment geschärft, die Kundschaft erweitert – über das Münsterland hinaus bis ins Ruhrgebiet und Rheinland.
Und dann kam 2019. Ein Jahr, das in der Firmengeschichte einen besonderen Platz einnehmen sollte. „2019 war unser stärkstes Jahr, das erfolgreichste überhaupt“, erinnert sich Ackmann. Die Firma sei sowohl im Möbelbereich als auch in der Mode hervorragend aufgestellt gewesen. „Wir hatten Umsätze, die deutschlandweit für Aufmerksamkeit gesorgt haben.“

Reaktion auf Corona: Umbau statt Stillstand
Die Pandemie traf auch Hetkamp. Doch anstatt abzuwarten, wurde gehandelt. „Am ersten Tag des Lockdowns haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: Wir bauen jetzt um“, berichtet Ackmann. Der vordere Teil des Geschäfts wurde in nur vier Monaten komplett neu gestaltet. „Das war aufwendig, aber nötig. Wir wollten einen neuen, offenen Eingangsbereich schaffen. Geplant haben das unsere eigenen Architekten.“
Statt den Kopf in den Sand zu stecken, reagierte die Geschäftsführung schnell. „Wir haben uns direkt am ersten Tag zusammengesetzt, mit Herrn Happe, unserem Verkaufsleiter, und beschlossen: Jetzt wird renoviert.“ Der vordere Teil des Geschäftshauses wurde komplett abgerissen und innerhalb von vier Monaten neu aufgebaut. „Wir wollten einen offeneren, moderneren Eingangsbereich schaffen. Das hat funktioniert.“
Kundennähe per Telefon: Mode trotz Lockdown
„Wir haben sofort zum Telefon gegriffen“, erinnert sich Ackmann. Jeder Mitarbeiter habe seine Stammkunden angerufen, vor allem im Modebereich. „Meine Frau kannte die Größen, Vorlieben und Stilrichtungen genau.“ Auswahlen wurden zusammengestellt und zur Abholung bereitgelegt oder direkt zu den Kunden gebracht. „Ich bin selbst samstags und sonntags ins Ruhrgebiet gefahren, um Schuhe zu liefern.“ Das direkte Gespräch sei entscheidend gewesen. „Wir hatten über 12.000 aktive Kunden. Den Kontakt haben wir gepflegt und ausgebaut.“

Mehr Erfolg durch Eigenwerbung statt Laufsteg
Statt aufwändiger Modenschauen setzte Hetkamp während der Pandemie auf eigens produzierte Modemagazine. „Wir haben bis zu sechs Journale pro Jahr herausgebracht, mit eigenen Mitarbeitern als Models.“ Das Konzept kam an. „Die Kunden sagten: Ich will das Kleid, das Brigitte trägt.“ Der Wiedererkennungswert sei größer gewesen als bei professionellen Veranstaltungen. „Die Menschen kannten unsere Mitarbeiter. Das hat Vertrauen geschaffen.“

Die Insolvenz nach der Übergabe: Keine Schuld bei Corona
„Corona war nicht schuld“, sagt Ackmann entschieden. Zwar seien die Umsätze 2020 und 2021 zurückgegangen, doch durch staatliche Hilfen und gute Planung habe das Unternehmen stabil gewirtschaftet.
Am 30. Juni 2022 verkaufte Ackmann die Firma. Seine Frau Marlene blieb noch bis Ende 2023 Leiterin der Modeabteilung. „Und die Mode lief weiterhin sehr gut.“ Die neuen Geschäftsführer seien fachlich aus anderen Bereichen gekommen. „Mode ist eine eigene Welt. Wer sie nicht versteht, kann sie nicht erfolgreich führen.“ Vor allem die Strategie, das Sortiment massiv zu verjüngen, habe Stammkunden irritiert. „Man wollte jünger werden, aber unser Klientel war 40 plus. Die wussten, was sie wollten und konnten sich unsere Mode leisten.“

Verlust für Raesfeld: Die Remise am Schloss
Ein besonders emotionaler Punkt ist für Ackmann das Ende der Schlossremise. „Das war ein Anziehungspunkt für viele Tagestouristen, gerade aus dem Ruhrgebiet.“ Umsatz sei dort nie die Hauptsache gewesen. „Die Remise war eine Türöffnerin. Viele Kunden sind von dort ins Hauptgeschäft gekommen.“
Mit dem Wegfall der Remise sei ein wichtiger Zugangskanal verloren gegangen. „Neukunden kommen nicht von allein. Man muss ihnen Gelegenheiten geben, einen kennenzulernen.“

Engagement für Kultur: Hetkamp als Sponsor
Hetkamp war mehr als nur ein Einrichtungshaus. „Wir haben von Anfang an die Schlosskonzerte als Hauptsponsor unterstützt“, berichtet Ackmann. Auch lokale Medienformate wie Interviews oder Kulturbeiträge seien durch das Unternehmen mitfinanziert worden. „Das war gut für unser Image und hat der Region viel gebracht.“

Keine Rückkehr: Das Kapitel ist abgeschlossen
Ob eine Rückkehr denkbar sei? Ackmann winkt ab. „Nein. Ich werde in einigen Tagen 75. Das ist ein Fulltime-Job, das mache ich nicht noch einmal.“ Er bedauert das Aus sehr. „Das tut weh. Auch Luzie Hetkamp, mit der ich nach wie vor Kontakt habe, leidet darunter.“ Sie habe ihm vieles beigebracht und sei der Grund gewesen, warum er damals zu Hetkamp gekommen sei. „Das war kein Möbelgeschäft. Wir waren Einrichter mit Architekten und eigener Tischlerei. So etwas gibt es heute kaum noch.“




























