Mit dem Tod und dem Loslassen ist das so eine Sache. Eigentlich ist der Herbst keine gute Zeit zum Sterben. Alleine schon die Auswahl der Blumen für die Kränze ist sehr beschränkt. Buntes Laub, Moos und Herbstblumen könnten den Kranz schmücken. Dann lieber im Frühling mit einem Kranz aus bunten Primeln und Frühlingsblumen, sieht doch schon besser aus und ich weiß, das würde meiner Mutter auch besser gefallen.
Aber meine Mutter hat so ihre ganz eigenen Vorstellungen was „Termin Tod“ anbelangt. Das bleibt bei mir nicht ganz ohne Folgen, denn mittlerweile ist es das dritte Mal, wo ich einen Anruf vom Pflegeheim bekam: Bitte kommen sie ganz schnell, ihrer Mutter geht es nicht gut.
Immerhin ist meine Mama 92 Jahre alt, dement und die Zeit zum Loslassen ist auch da. Die Engel rufen im Himmel, der Gevatter Tod steht am Bett. Ich weiß nicht, worauf die Frau noch wartet, denn zweimal raffte sie sich immer wieder erneut auf und legte mit dem Sterben erneut eine Pause ein. Ich habe schon lange losgelassen, aber schwer ist es jedes Mal aufs Neue für mich.
Es geht mir dann so vieles durch den Kopf, Worte, die ich aus ihrem Munde im Laufe meiner Kindheit immer gehört habe wie: „Irgendwann kommen die Russen zurück“. Nein Mama, die werden nicht mehr kommen, wenn, dann als Gast. Aber die Chinesen, die gehörten soweit ich mich erinnern kann, immer zu meiner Mutter und ihrer Angst vor der Zukunft: „Eines Tages werden uns die Chinesen überrollen und ganz Deutschland wird von denen eingenommen“. Mutter, der Tag ist nicht mehr weit weg. Woher wusstest du das?
Naja, aber auch der Tod und das Alter war ein großes Thema meiner Mutter. „Kind, so alt möchte ich nie werden. Und ins Altersheim möchte ich auch nicht, denn da sind nur alte Leute“. Wenn ich an diesen Satz denke, muss ich immer noch schmunzeln. Aber so ist sie, oder so war meine Mama. Immer vorausschauend, selbst ihre Beerdigung hatte sie schon vor mehr als 20 Jahren in trockenen Tüchern. Drei Nelken, ein Totenhemd und eine anonyme Bestattung.
Nun sitze ich hier, schreibe und weiß nicht was ich meiner Mutter wünschen soll: Folge dem Ruf der Engel und gehe zu Vater, oder warte bis der Frühling kommt! Was will aber ich? Was wünsche ich meiner Mutter?
Das weiß ich genau. Sie soll der Sonne entgegen gehen. Ein Ende ohne Leiden, ohne Schmerzen und ohne Angst, so soll meine Mutter ihren letzten Weg antreten. Besser wäre es aber noch, sie könnte sich noch einmal mit mir aussprechen, lachen, singen und durch die Küche tanzen. Dann die Kohlen hochholen, den Ofen anmachen und mir einen heißen Kakao kochen.
Aber wie heißt es so schön im Vater unser? „Dein Wille geschehe“ und darauf hat niemand Einfluss, auch ich nicht.



























