Die alte Kirsche steht dort, wo niemand einen Baum haben möchte, der gefällt werden muss: ganz hinten, am Schnittpunkt von vier Gärten, weit entfernt von der Straße. Schuppen, Zäune und dichter Bewuchs lassen kaum Platz. Rund zehn Meter ist der Baum hoch. Nach mehreren kranken Jahren ist er im Winter abgestorben. Nun muss Tim Herberholz hinauf.
Efeu und Knöterich haben den Baum erobert. Das Holz ist nicht mehr stabil, ein großer Ast wächst zur falschen Seite und ragt über einen Nachbarschuppen. Hubsteiger oder Autokran kommen hier nicht hin. Also muss die Kirsche Stück für Stück abgetragen werden, kletternd am Seil.
Bevor die Motorsäge aufheult, betrachtet Herberholz Wurzeln, Stamm und Verzweigungen. „Das Wichtigste ist morgens erst einmal die Baumansprache“, sagt Tim Herberholz, der in Wulfen einen Garten- und Landschaftsbaubetrieb führt und seit 2006 beruflich als Baumsteiger arbeitet. Wie sicher steht der Baum noch? Wo könnten sich Faulstellen verbergen? Welcher Ast wird zuerst entfernt?

Für ihn ist es ganz normal
Seile, Karabiner und Sicherungen hängen am Klettergurt, die Motorsäge an seiner Seite. Herberholz bewegt sich konzentriert zwischen den Ästen. Dass er nur mit einem Auge sieht, fällt kaum auf.
Seit seinem dritten Lebensjahr trägt er ein Glasauge. Als Behinderung empfindet er das nicht. So nimmt er die Welt seit jeher wahr. „Ich muss den Kopf mehr drehen, um das auszugleichen, was mir im Gesichtsfeld fehlt“, erklärt er.

Die eigentliche Hürde lag nicht im Baum, sondern auf dem Weg dorthin. Für die Höhenarbeiten brauchte er eine arbeitsmedizinische Bescheinigung. Wegen des fehlenden räumlichen Sehens wollte ihm diese zunächst kaum jemand ausstellen. Erst ein Arbeitsmediziner gab grünes Licht.
Im Alltag bestätigen sich die Bedenken nicht. Er greift sicher nach Werkzeugen, schätzt Abstände ein und bewegt sich routiniert in der Krone. „Man muss wirklich nachdenken und für viele Sachen Gefühl haben“, sagt er. Gefühl für das Holz, die Spannung in einem Ast und den Moment, in dem ein Plan geändert werden muss.

Vom Heizungsbauer in die Baumkrone
Herberholz ist gelernter Heizungsbauer und Meister. Als es nach 2005 in diesem Bereich wenig Arbeit gab, kam er über einen Bekannten zu einem Baumdienst in Bochum. Zunächst häckselte er Äste und räumte nach Fällungen auf, bald übernahm er selbst erste Arbeiten.
Daraus entwickelte sich sein Betrieb in Wulfen. Heute gehören neben Baumfällungen und Baumpflege auch Garten- und Landschaftsbau zum Angebot. Die Wurzeln liegen bis heute in den Baumkronen.
Bis zu 30 Meter hoch ist Herberholz bereits geklettert. Die zehn Meter der alten Kirsche wirken dagegen überschaubar. Doch der enge Garten, das tote Holz und die Schuppen unter der Krone lassen kaum Raum für Fehler.

Ein Team, das ohne viele Worte auskommt
Ein Windstoß kann einen Ast beim Ablassen drehen, morsches Holz anders brechen als erwartet. Manchmal bleiben nur Sekunden, um Schäden zu verhindern. Deshalb braucht Herberholz am Boden Menschen, auf die er sich verlassen kann.
Einer von ihnen ist Lennart Vierhaus aus Haltern, der seit knapp zehn Jahren bei schwierigen Einsätzen hilft. „Wenn Tim anruft, weiß ich: Es gibt einen Spezialauftrag. Das ist nicht 08/15“, sagt er. Wenn Motorsäge und Häcksler laufen, genügen oft Blicke und kleine Bewegungen.
Eine wichtige Stütze hat Tim Herberholz in seiner Freundin Ronja Büdenbender gefunden. Die beiden lernten sich vor einigen Monaten beim Pferdesport kennen, zunächst als Freunde, später wurden sie ein Paar. „Wir können miteinander arbeiten und miteinander leben“, sagt sie.

Gefühl für Pferde und Bäume
Pferde begleiten Tim Herberholz fast sein ganzes Leben. Mit sechs Jahren saß er erstmals im Sattel. Der Reitsport ist für ihn Ausgleich und Leidenschaft.
Auch dort hat ihn das Sehen mit einem Auge nie eingeschränkt. Wie bei der Arbeit im Baum kommt es auf Erfahrung, Körpergefühl, Vertrauen und schnelle Reaktionen an. „Auch der Reitsport hat seine Herausforderungen“, sagt Herberholz. „So wie die Arbeit auch.“
Die Risiken seines Berufs redet er nicht klein. Wer morgens merkt, dass er körperlich oder mental nicht fit ist, sollte nicht in den Baum steigen. Herberholz hat Einsätze deshalb schon verschoben. „Wenn die Verfassung nicht passt, muss man es lassen.“

Bei der alten Kirsche arbeitet er sich Stück für Stück durch die tote Krone. Unten hält das Team die Seile bereit und lässt die abgesägten Teile kontrolliert zu Boden. Jeder Handgriff muss sitzen.
Lieber als Fällungen sind Herberholz Arbeiten, bei denen ein Baum erhalten werden kann. „Baumkletterei ist einfach anders“, sagt er. „Man muss es eigentlich erlebt haben.“
Am Ende zählt, dass alle heil nach Hause kommen, der Garten sauber hinterlassen wird und der Kunde zufrieden ist. Dass Tim Herberholz dabei nur mit einem Auge sieht, beschäftigt vor allem andere. Für ihn zählen Ruhe, Erfahrung und Gespür für den Baum. Dafür hat er einen ausgesprochen sicheren Blick entwickelt.



























