Ein Stück gelebte Handwerkstradition in Erle – und ein klares Bekenntnis zur Qualität: Kornbrenner Dirk Böckenhoff von der „Kleinen Brennerei im Münsterland“ setzt auf echtes Feinbrennen und distanziert sich vom Trend zu industriell hergestelltem Alkohol.
In seiner Brennerei entsteht Korn noch im klassischen Feinbrandverfahren, eine Handwerkskunst, die heute nur noch wenige Betriebe beherrschen
Neustart mit Geschichte
Fast elf Jahre ist es her, dass in Erle eine lange Familientradition einen neuen Abschnitt begann. Am 31. August 2014 verabschiedete sich Johannes Böckenhoff als letzter Vertreter der fünften Generation aus der aktiven Brennereiarbeit. Über Jahrzehnte hatte er die kleine, aber bekannte Erler Brennerei geführt, mit Handwerk, Herz und einem feinen Gespür für Qualität. Mit einem großen Dorffest wurde sein Abschied gefeiert, und gleichzeitig die Zukunft eingeläutet: Dirk Böckenhoff aus Dorsten übernahm die Brennerei.

Ursprünglich hieß es, die Verbindung sei rein zufällig, weder verwandt noch verschwägert. Doch ganz korrekt sei das nicht, wie Dirk Böckenhoff heute einräumt: „Wir haben gemeinsame Wurzeln, denn unsere Vorfahren stammen alle aus Erle-Östrich. Von dort aus haben sich die Familienzweige in unterschiedliche Richtungen entwickelt – auch, weil sie nicht die Erstgeborenen waren.“ Während Johannes Böckenhoffs Vorfahr in den Hof Bente im Ortskern einheiratete, gründete Franz Böckenhoff, Dirks Ururgroßvater, in Dorsten eine eigene Brennerei. „Dazwischen liegen zwar vier Generationen, aber die Verbindung ist da.“

Brennkunst in der DNA: Dirk Böckenhoffs Familiengeschichte
Ganz fremd war Dirk das Brennerhandwerk allerdings nicht. Bereits sein Großvater hatte 1870 in Dorsten eine Dampfbrennerei gegründet. Der Vater führte das Familiengeschäft bis in die 1970er-Jahre, danach wurde nur noch Rohbrand produziert – bis das Ende des Branntweinmonopols diese Ära beendete.
Im Jahr 2008 nahm Dirk Böckenhoff den Faden wieder auf. In Dorsten startete er mit hochwertigen Obstbränden, hergestellt aus regionalem Obst wie Himbeeren, Johannisbeeren, Äpfeln und Birnen. Und als einziger zertifizierter Brenn-Sommelier in Nordrhein-Westfalen wusste er genau, worauf es ankommt: Qualität, Handwerk und Heimatbezug.

Handwerk statt Industrie
„Das Besondere an unserer Brennerei ist, dass hier nicht nur Rohalkohol hergestellt wird, sondern echter Feinbrand“, erklärt Dirk Böckenhoff. Der Rohalkohol selbst sei nicht trinkbar und werde an staatliche Reinigungsanlagen abgegeben. Erst durch den Prozess des Feinbrennens entstehe ein Produkt, das genussfähig sei, und das sei heute in Deutschland eine Seltenheit.
Während in vielen modernen Großbetrieben Alkohol lediglich zugekauft und mit Wasser verdünnt werde, produziert die Brennerei Böckenhoff noch vollständig selbst. „Dadurch sparen sich viele Hersteller aufwendige Gerätschaften, Reparaturen und Energie. Doch was dabei verloren geht, ist das Handwerk“, betont Böckenhoff.

Korn auf Augenhöhe mit Whisky und Cognac?
Korn sei in seiner Wertigkeit keineswegs ein „Billig-Schnaps“, betont Dirk Böckenhoff, sondern stehe geschmacklich wie herstellungstechnisch auf einer Stufe mit international renommierten Spirituosen. „Mein Wunsch ist es, durch meine Brennereiführungen zu erreichen, dass die Deutschen anfangen zu schätzen, was hier in der Region hergestellt wird – und unseren Korn zumindest auf das Niveau heben, wie den Grappa in Italien, Whisky in Irland, Schottland oder England, Wodka in Russland oder Polen und der Obstbrand im Süden und ihn genießen.“ Dabei gehe es ihm nicht um Überlegenheit: „Ich will nicht besser sein als irgendeine andere Brennerei auf der Welt, aber ich wünsche mir Gleichberechtigung. Das wäre ein faires Ziel.“
Wenig Lobby, viel Missverständnis
Ein Hindernis auf diesem Weg sei die hartnäckige Vorstellung, Korn sei ein Getränk für den schnellen Konsum, der Ruf von „Ex und weg“ hafte ihm bis heute an. „Und die Lobby für Korn ist in Deutschland nicht annähernd so stark wie bei Cognac oder Whisky“, erklärt Böckenhoff. „Cognac hat ein gewisses Prestige, aber in Frankreich sagen junge Leute längst: Das ist Schnaps für alte Leute.“ Korn hingegen könne ein modernes, regional verankertes Qualitätsprodukt sein, wenn man ihm den Raum zur Entfaltung gebe.

EU-Regeln und die Folgen
Ein zentraler Punkt, den Böckenhoff kritisiert, ist die europäische Regelung, wonach der letzte Verarbeitungsschritt über die Herkunft eines Produkts entscheidet. „Das führt dazu, dass Betriebe einfach Alkohol einkaufen, verdünnen und sich dann Hersteller nennen. Das ist nicht im Sinne des Handwerks und auch nicht im Sinne des Verbrauchers.“
Die Wahrheit über die Herstellung: Korn ist aufwendiger – und teurer
Auf die Frage, ob Korn nicht deutlich günstiger herzustellen sei als Cognac oder Whisky, widerspricht Böckenhoff entschieden: „Nein, im Gegenteil. Echten Korn selbst zu brennen ist deutlich aufwendiger und teurer.“ Während für Cognac lediglich Wein eingekauft werde, oft zu Preisen, über die sich viele Winzer nur wundern könnten, sei der Herstellungsprozess bei Korn umfassender. „Für Korn brauche ich eine Gärstation, eine Maischestation, eine Rohbrennblase, und das alles aufwendig gewartet und bedient“, so Böckenhoff. Beim Cognac reiche hingegen oft ein einzelnes Gerät: „Ich pumpe den eingekauften Wein hinein, erhitze ihn, er wandert über die Böden nach oben, und was dabei herauskommt, ist Cognac. Preiswerter geht es kaum.“

Korn in reinster Form – mehr als ein Getränk
Für Böckenhoff steht fest: Korn sei eine der reinsten Formen hochprozentiger Spirituosen. „Getreide – also Korn – ist die Basis. Daraus entsteht Wodka oder eben Korn, und beide gelten in der Pharmazie sogar als Ausgangsstoffe für flüssige Arzneimittel in Vorbehaltssektoren. Das zeigt, wie hochrein und qualitativ dieser Alkohol ist.“
Sein Appell: Korn müsse wieder als das gesehen werden, was er im besten Fall sei, ein handwerklich hergestelltes Qualitätsprodukt mit regionaler Identität, das seinen Platz neben internationalen Klassikern verdient habe.
Kulturgut Korn: Ein Appell an die Region
„Ich wünsche mir, dass die Leute anfangen, regionale Produkte wieder zu schätzen“, sagt Dirk Böckenhoff zum Schluss. Gerade kleine, handwerklich arbeitende Betriebe wie Bäckereien, Metzgereien oder eben Brennereien seien wichtige Anker in ländlichen Regionen, auch, weil sie Vertrauen schaffen könnten, das große Konzerne zunehmend verspielen. „Es lohnt sich, das zu erhalten, für die Region, für die Identität und für die Vielfalt.“ Seine Botschaft ist klar: Korn ist nicht nur ein Getränk, sondern ein Kulturgut.
Inzwischen hat sich viel getan: Das ehemalige Wohnhaus wurde zum Gästehaus „Koornhuis“ umgebaut, neue Strukturen haben Einzug gehalten. Doch eines ist geblieben: Der Alte Korn schmeckt noch immer wie damals; klar, kräftig und mit viel Geschichte im Glas.
Info: Was macht echten Korn aus und wie entsteht er?
Korn ist nicht gleich Korn. Entscheidend ist, wie gebrannt wird. Während industriell gefertigte Sorten meist auf Effizienz setzen, greifen handwerklich arbeitende Kornbrenner noch auf das klassische Feinbrandverfahren zurück. Doch was bedeutet das genau?

Was ist ein Kornbrenner?
Ein Kornbrenner ist ein Brennereibetrieb oder eine Person, die aus Getreide, meist Roggen, Weizen, Gerste oder Dinkel Kornbrand herstellt. Korn gehört zu den ältesten Spirituosen Europas und ist eine typisch deutsche Spezialität mit geschützter Herkunft.
Der Produktionsprozess beginnt mit dem Einmaischen des Getreides, bei dem Stärke in Zucker umgewandelt wird. Danach folgt die alkoholische Gärung, bevor die Maische in einer Brennblase destilliert wird.
Feinbrand bei Korn – was bedeutet das?
Die Destillation verläuft in zwei Schritten:
- Rohbrand: Im ersten Brenndurchgang wird der vergorene Alkohol aus der Maische gewonnen. Das Rohdestillat enthält jedoch noch viele unerwünschte Begleitstoffe.
- Feinbrand: Im zweiten Durchgang, dem sogenannten Feinbrand, wird der Rohbrand erneut destilliert. Dabei wird sehr präzise gearbeitet: Der Brenner trennt die sogenannten Vorläufe (mit scharfen, flüchtigen Stoffen), den Mittellauf (das Herzstück mit reinem Ethanol) und die Nachläufe (mit Fuselölen).
Nur der Mittellauf wird für den Korn verwendet – er ist klar, rein und besonders mild. Diese sorgfältige Trennung ist entscheidend für die Qualität des Endprodukts.
Fazit: Handwerk mit Anspruch
- Kornbrenner stellen aus Getreide hochprozentigen Alkohol her – meist Kornbrand.
- Wer im Feinbrandverfahren brennt, trennt besonders exakt und qualitätsbewusst die verschiedenen Fraktionen des Alkohols.
- Dieses Verfahren wird heute nur noch von wenigen handwerklich arbeitenden Brennereien angewendet, ist aber entscheidend für einen hochwertigen, milden und klaren Korn.
Was ist eigentlich Fusel – und warum ist das „Fuselziehen“ so wichtig?
Ganz einfach: Beim Brennen trennt der sogenannte Fuselzieher im Feinbrandverfahren die Spreu vom Weizen, oder besser gesagt: den guten Alkohol von den ungewollten Nebenprodukten.
Fusel ist der umgangssprachliche Begriff für unerwünschte Stoffe, die beim Destillieren entstehen, darunter Alkohole höherer Ordnung und Fuselöle, die etwa aus dem Getreide stammen. Sie machen den Alkohol schwer, unrein und verursachen nicht selten den berühmten Kater. Beim Fuselziehen werden diese Stoffe gezielt vom hochwertigen Ethanol getrennt.
👉 Ohne Fuselziehen: trüber Geschmack, schwere Köpfe.
👉 Mit Fuselziehen: klarer Korn, reines Aroma – und ein Hoch auf saubere Handwerkskunst!



























